Christian Schramm: Grenzgänger zwischen den Welten

Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken aus der Heiligen Stadt Jerusalem

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27. Juli 2006, 14.35 Uhr, Ben-Gurion-Airport, Tel Aviv

Soeben ist die Maschine aus München gelandet. In knapp vier Stunden habe ich ungefähr 4000 km zurückgelegt und bin von einer Welt in eine völlig andere katapultiert worden: aus Deutschland, Mitteleuropa – meiner Heimat von Geburt an –, nach Israel, Naher Osten. Das geht schnell, sehr schnell, zu schnell. Eigentlich müsste ich mich erst mal setzen und die eigene Seele nachkommen lassen – wie es in einem indianischen Sprichwort heißt. Aber uneigentlich geht das Leben hier weiter und ich selbst schwimme im Strom der aussteigenden Reisenden mit. Jedes abweichende, gewissermaßen anormale Verhalten würde auch mit Sicherheit das Sicherheitspersonal auf den Plan rufen – oder die Reinigungskräfte der Fluggesellschaft.
So verlasse auch ich das Flugzeug und trotte durch die Gangway Richtung Passkontrolle, Einreisecheck und Gepäckausgabe. Ich tue dies mit gemischten Gefühlen. Nicht, dass ich mich nicht auf die Zeit in Israel freuen würde, doch es herrscht Krieg im Norden des Landes, das für die nächsten acht Monate meine neue Heimat werden soll. So reise ich ein mit dem Gedanken vor Augen, dass ich dieses Land vielleicht schneller wieder verlassen muss als mir lieb ist …
… Dass meine ersten Befürchtungen nicht Wirklichkeit geworden sind und dass ich heute, gute zwei Monate später, immer noch hier bin, freut mich sehr und ich danke Gott für die überraschende Entspannung der Lage. Bei meiner Einreise sah dies allerdings noch ganz anders aus und ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich so verhältnismäßig kurze Zeit später in Tabgha am See Genesareth, also im Norden des Landes, sitzen und diese Zeilen niederschreiben würde. Ja, am Anfang sah es eher danach aus, dass das Theologische Studienjahr Jerusalem – ein deutschsprachiges, ökumenisches Intensivstudienprogramm in Jerusalem –, im Rahmen dessen ich hier in der Studienleitung beschäftigt bin, in diesem Jahr nicht beziehungsweise nicht im Heiligen Land stattfinden würde.

Wir sollen, wir sollen nicht, wir sollen – Schwierige Entscheidungsfindung zu Beginn

Wenige Wochen vor dem geplanten Start des 33. Theologischen Studienjahres am 14. August 2006 brach nämlich im Gefolge der Entführung zweier israelischer Soldaten durch die Hisbollah-Miliz der so genannte Libanonkrieg aus und die militärischen Auseinandersetzungen im Norden des (Heiligen) Landes brachten die Studienleitung in große Entscheidungsnot.
Ist es angesichts der aktuellen Entwicklungen überhaupt verantwortbar, ein Studienprogramm in Israel durchzuführen? Können wir guten Gewissens junge Studierende in ein Land holen, das Krieg führt? Kann der sichere und so weit wie möglich reibungslose Ablauf des Studienprogramms gewährleistet werden? Wie sieht es neben der physischen Gefährdung mit der psychischen Belastung aus – vor allem für die Studierenden, die noch nie im Land waren und dementsprechend mit den Umständen hierzulande nicht vertraut sind? Wie lässt sich eine positive Entscheidung begründen und vertreten gegenüber den Geldgebern (DAAD und DBK), den Eltern und Freunden der Studierenden, zu guter Letzt den (potenziellen) Studienjährlern und Studienjährlerinnen selbst?

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