Biblisches Forum

Georg Steins

Der Bibel einen Raum

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"Ist nicht Raum der wahre Luxus?"

Das Haus Ohrbeck und das BibelForum des Bistums Osnabrück handeln offensichtlich unvernünftig! In Zeiten des Nachdenkens über eine McKinsey-optimierte Ressourcenallokation, angesichts verschärfter Sparpläne und zurückgehender Aktivitäten in der kirchlich wie staatlich gestützten Bildungsarbeit leisten sie sich puren Luxus! Sie machen Platz und stellen einen der umkämpften Verwaltungsräume einer Art Dauerausstellung zur Verfügung und statten diesen Raum zudem noch mit nicht geringem Aufwand aus - und das alles für ein Buch. Welch eine Verschwendung!

Ein Raum für ein Buch! Das ist alles andere als selbstverständlich. Aus der Webung wissen wir, dass Raum der wahre Luxus ist. Der größte französische Automobilproduzent hat uns dies in einer zu Jahresanfang über Wochen in großen Zeitungen geschalteten ganzseitigen Anzeige wissen lassen. Er wirbt damit für das Familienauto "Renault Espace", das übersetzt den schlichten Namen "Raum" oder "Platz" trägt.

Aber darüber hinaus bringt der Automobilkonzern eine Wahrheit zum Ausdruck, die bereits der Bibel so wichtig ist, dass diese gleich auf der ersten Seite des Alten Testaments mehrfach anschaulich vorgeführt wird. Diese Wahrheit lautet: Leben braucht Platz; Leben gibt es dort, wo das Luxusgut "Raum" zur Verfügung gestellt wird.

Gott macht Platz

Wir sind - recht schnell - bei der theologischen Tiefenschicht des Themas angekommen, dem der heutige Vormittag gewidmet ist: Bibel und Raum!

Gott gibt Zeit und Gott "macht Platz" - so einfach lässt sich die erste und grundlegende Gottesbotschaft der Bibel auf den Punkt bringen! Es ist die Spitzenbotschaft der Bibel, weil sie gleich "am Anfang" mitgeteilt wird und weil alles weitere, was über den Gott der Bibel zu sagen ist - und die Bibel hat viel über Gott zu sagen -, mit diesen beiden Bestimmungen zusammenhängt und sich aus diesen Aussagen ergibt: Der Gott, von dem die Bibel uns kündet, ist ein Gott, der Zeit und Raum schenkt, der diese fundamentalen Güter uns Menschen schenkt!

Gott und Raum - wir konzentrieren uns aus gegebenen Anlass auf diesen einen Aspekt - das ist ein Thema, dessen Spuren durch die Bibel zu verfolgen sich lohnt. Ich nehme nicht jede Spur auf, sondern beschränke mich auf die markanteste, auf diejenige Spur, die die ganze Bibel durchzieht und die gleichsam bis in diesen "Raum", in dem wir heute stehen, reicht.

Wie gefährdet der von Gott für das Leben geschaffene Raum ist, wird schon in den ersten Kapiteln der Genesis vor Augen geführt: Ganz "am Anfang" sieht alles noch wohlgeordnet, sehr "aufgeräumt" aus: In stabilen Räumen leben sorgfältig gegeneinander abgegrenzt und einander zugeordnet Tiere und Menschen, die sich - welch ein paradiesischer Glückszustand - von den allen reichlich zur Verfügung stehenden Pflanzen verschiedenster Art ernähren. Doch am Ende des ersten Kapitels der Bibel kommt ein unkalkulierbarer Faktor auf die Bühne, der Mensch. Er ist das eigentliche "Sorgenkind" in der Schöpfung. Der Mensch wird gerne als "Krone der Schöpfung" tituliert. Die Bibel vergibt diesen Titel nicht. Sie redet vom Menschen (wörtlich) als "Statue Gottes", übersetzt "als lebendiges Bild Gottes" (Gen 1,26ff) und denkt dabei nicht an eine schmückende Auszeichnung, die wie ein Orden oder eine Krone zu tragen ist, sondern nüchterner und alltäglich an eine Aufgabe, die der Mensch in der Schöpfung übernehmen soll: Wie ein Vize-König soll er die Einrichtungen des Schöpfers treuhänderisch bewahren und das in Zeit und Raum geordnete Leben schützen.

Das Bild, das den ersten Schöpfungstext - ohne das dies direkt benannt würde - insgesamt prägt und Bedeutungsebenen zusammenhält ist das des Großkönigs, des Königs der ganzen Welt:

Dieser Großkönig trägt Verantwortung für den Erhalt seines Werkes. Und damit kommt der Mensch, kommen wir also, ins Spiel - mit der schönen Aufgabe als Vizeköniginnen und Vizekönige (beachten Sie bitte: hier auf der ersten Seite macht die Bibel keinen Unterschied zwischen Hohen und Geringen, zwischen Frommen und Fernen und auch keinen zwischen Frauen und Männern; auch das will schöpfungstheologisch bedacht und pastoral eingeholt sein!)

Die großen Anfangsbilder der Bibel meinen etwas sehr Konkretes. Sie reden von dem, was "erstlich" und letztlich zählt. Aber zurück zum Menschen als "Sorgenkind"! Mit dem Menschen kommt das ins Spiel, was dem geordneten Leben diametral entgegensetzt ist. Die Bibel nennt das knapp und präzise "Gewalt" - in ihrer destruktiven Gestalt. Sie merken: Von Gen Kapitel 1 Vers 1 an ist das biblische Gottes-, Welt- und Menschenbild "politisch" im ursprünglichen Sinne. Wie kann der gute Wille und die gute Vorgabe des Weltenkönigs "zum Zuge kommen", wenn es die Gegenkraft der Gewalt in ihren vielfältigen Erscheinungen gibt? Das ist die Schlüsselfrage der Bibel. Sie will nicht zuerst ein Wissen über Gott und seine Schöpfung vermitteln, sondern stellt sich der politischen Kernfrage, der Frage nach dem Gelingen des Lebens für alle Geschöpfe.

Man könnte angesichts des Umfangs der Bibel meinen, die Antwort falle reichlich kompliziert aus. Das Gegenteil ist der Fall: Die Schlüsselidee ist genial einfach. Die Dicke der Bibel erklärt sich aus den Widerständen, die diese Idee hervorruft und die ausführlich dokumentiert werden, damit - so die Hoffnung - nicht jede Generation die Fehler der früheren wiederholt. Diesen Grundoptimismus lässt die Bibel sich nicht nehmen.

Aber wie lautet nun die Antwort auf das Problem, die Gutheit der Schöpfung zu bewahren, ihr gegen alle Gefährdungen zum Durchbruch zu verhelfen? Nun, wenn es schwierig ist, mit der Menschheit insgesamt die gute Schöpfung zu bewahren, dann geht es vielleicht mit einer kleinen Gruppe. Es müsste sich doch eine Anzahl von Menschen finden lassen, die fasziniert von der unvordenklichen Vorgabe des Weltenkönigs ganz als "Bild Gottes" in der Schöpfung lebt und darin die Gutheit des ursprünglichen Schöpferwillens so stark aufleuchten lässt, dass eine mächtige Bewegung gegen die Gewalt in Gang kommt. Für den Weltenkönig wäre diese Menschengruppe so etwas wie ein "Reichskleinod", in dem sich seine Schönheit spiegelt. Es ist kaum zu glauben, aber das ist der biblische Lösungsvorschlag für das das Leben gefährdende Gewaltproblem.

Das Schöne daran: Diese Idee hat die Ebene eines Referentenentwurf oder Kommissionsvorschlags schon vor längerer Zeit verlassen! Es gibt schon seit ungefähr dreitausend Jahren eine Gemeinschaft von Menschen, die dies von sich behauptet: Das Volk zu sein, das Gott sich erwählt hat, das nach der Weise Gottes leben soll, damit Gottes Segen zu allen Völkern kommen kann. So konkret denkt die Bibel "Erlösung", "Heil", "Rettung": Auf einem Fleckchen des Erdbodens, zu einer bestimmten Zeit hat Gott mit einer Gruppe von Menschen das Experiment einer neuen, einer Anti-Gewalt- Gesellschaft gestartet.

Das Experiment war und ist vielen peinlich. Sie reden lieber von Gott in den abstrakten Begriffen der Philosophie. Nur - der Gott der Bibel ist nicht das Göttliche! Oder sie suchen das allen Religionen Gemeinsame. Nur - der Gott der Bibel ist definiert als der Gott, der sich an eine bestimmte Gruppe von Menschen bindet, die nicht einfach austauschbar ist, es sein denn um den Preis des Verlustes dieses Gottes.

Gott ist im Buch

Diese Gemeinschaft ist - bei aller schmerzlich erfahrenen Distanz zu Gott - geprägt von dem Wunsch, Gottes Nähe nicht zu verlieren. Jetzt kommt die Bibel, "das Buch" wieder ins Spiel! Die Bibel lässt sich verstehen als ein umfangreiches Dossier über die Erfahrungen Israels und der jungen Kirche mit diesem von Gott ins Werk gesetzten Gesellschaftsexperiment. Aber das ist nur eine Sicht. Gleichzeitig lässt sich die Bibel auch lesen als eine Story über die Bibel, darüber wie Gott sich ins Wort und zur Schrift bringt, wie er sich gewissermaßen "verspricht" und wie er sich "ver-schreibt". Innerhalb der Entstehung und der Geschichte des Gottesvolkes läuft ein Prozess ab, aus dem die Bibel als Begleitbuch des Gottesvolkes hervorgeht. Volk-Gottes-Werdung und Bibel-Entstehung sind koextensiv - wie die Theologie sagt - sind gleichlaufende Prozesse.

Das ist ein spannender Vorgang. Die Theologie und vor allem die Bibelwissenschaft ist gegenwärtig damit beschäftigt, das Ineinander dieser Prozesse neu zu entdecken, nachdem die Exegese gut zwei Jahrhunderte lang gemeint hat, sie könnte die biblischen Texte besser verstehen, wenn sie sie aus dieser innigen Verbindung löst und die Texte betrachtet wie andere altorientalische oder antike Texte auch. Allmählich dämmert es auch den letzten Exegeten, das die Besonderheit der Bibel darin besteht, das es sich eben nicht ein altes Buch neben vielen anderen oder eine lockere Sammlung von Quellen wie viele andere auch handelt, sondern dass eben dies die Bibel vor allen inhaltlichen Besonderheiten auszeichnet: Die Bibel ist die Heilige Schrift einer - in sich differenziert zu betrachtenden - Glaubensgemeinschaft: das Buch des Gottesvolkes Israel, dass dank eines göttlichen Wunders auch andere "aus den Völkern" als ihr Lebens- und Glaubensbuch annehmen dürfen.

Die Bibel selbst reflektiert die Rolle des geschriebenen Wortes Gottes immer wieder. Es fällt auf, dass die Bibel besonders an den Krisen- und Wendepunkten der Glaubensgeschichte Israels und der jungen Kirche selbstreferentiell wird - wie die moderne Kommunikations- und Systemtheorie das formuliert. Das heißt schlichter: Wenn's brenzlig wird in der Bibel, kommt oftmals das geschriebene Wort Gottes in's Spiel. Krisen zwingen zur Konzentration der Kräfte. Krisen fördern die Besinnung auf das Tragende, auf die Leben erhaltenden Kräfte. Es ist verblüffend, wie wichtig der Bibel dieser Zusammenhang von Buch und Rettung ist.

Damit die rettende Rolle dieses Bibel-Buches plastisch wird, einige Beispiele:

Man gewinnt den Eindruck, dass das Besitzverhältnis sich umkehrt, wenn es um die Heilige Schrift geht: Nicht das Gottesvolk besitzt das Buch, sondern das Buch besitzt das Gottesvolk.

Nicht anders ist es im zweiten Teil der zwei-einen Bibel, dem Neuen Testament; dafür zwei Beispiele:

Wer mehr sucht, wird schließlich im letzten Buch der Bibel, der Offb, besonders fündig werden.

Meine Überlegungen haben mit der Schöpfungsgeschichte begonnen. Sie sind immer bei diesem Thema geblieben. Die Schöpfung, aus der das Gottesvolk hervorgeht und deretwegen es das Gottesvolk gibt, setzt sich fort: Immer wieder, wenn aus den Schriften gelesen wird, erklingen nicht einfach alte Texte, die die eine oder andere schöne Anregung vermitteln wollen. Vielmehr werden jedes Mal Schöpfungsakte gesetzt, wird Gottes rettende Macht proklamiert, geschieht die Verwandlung des Gottesvolkes und damit der Welt.

Das ist der Grund, warum wir eine Kultur des Bibelgebrauchs nötig haben, warum diese Kultur Thema in den Gemeinden werden muss. Es geht nicht um Traditionspflege - das ist schon ein wichtiges Anliegen - es geht um die Erfahrbarkeit Gottes - in seinem Wort. Es geht um die Liebe zu dem Vater im Himmel, der uns, seinen Kindern in der Heiligen Schrift in Liebe entgegenkommt und das Gespräch mit uns aufnehmen und beständig führen will, wie es das Zweite Vatikanische Konzil in nahezu poetischen Worten formuliert hat (vgl. DV 21).

Das Wort schafft Räume des Lebens

Jetzt im Herbst beginnt die letzte große Etappe des "Jahres der Bibel 2003". Wie diese Kultur des Wortes aussehen und wie dabei die rettende Kraft des göttlichen Wortes aufleuchten kann, haben viele in diesem Bistum erfahren, die sich z.B. am Projekt der Osnabrücker Bistumsbibel beteiligt haben. Diese zentrale Aktion des Bistums im Jahr der Bibel hat viel bewegt - allein der wöchentliche Blick in den Kirchenboten zeigte dies und zeigt es noch. Nach Aussagen von Teilnehmern war die Bistumsbibel ein Magnet im Ökumenischen Zentrum auf dem Berliner Kirchentag. Dabei geht es nicht in erster Linie um die wahrlich ansehnlichen "Ergebnisse" dieser Aktion. Der Sinn besteht in der Erfahrung von Kirche: Das Wort Gottes ist raumbildend, es versammelt Menschen um sich, die sich plötzlich in einen anderen Raum versetzt erfahren:

Kurz: Das Wort Gottes schafft Frei-Räume des Lebens. Um die Bibel herum sind immer wieder solche Frei-Räume entstanden. Um die Bibel herum können heute neue Orte des befreiten Lebens entstehen. Das ist das Ereignis von Kirche, auf das so viele warten. Kirche nicht als Art Agentur, die ein Produkt nahe bringen, an den Mann und an die Frau bringen will. Hier ist Kirche wirklich, was das Wort besagt: Kirche als "κυριακη", als dem Herrn gehörende und um ihn in seinem Wort versammelte Gemeinschaft.

Dies ist alles nicht neu, nicht besonders originell. Aber dennoch ist dieses Ereignis von Kirche selten anzutreffen. Weil die "Optik" meistens anders eingestellt ist, der Fragehorizont eine andere Sicht prägt: Wie schaffen wir es als Kirche, unsere Produkte auf dem Markt der religiösen Angebote zu platzieren? - das scheint mir vielerorts die primäre Frage zu sein. Aber aus der Sinnbewegung der Bibel heraus müsst die anders lauten: Wo gibt es Räume, an denen "das andere Leben",das Leben aus der guten Vor-Gabe des Schöpfers erfahrbar ist? Wenn es diese Räume gibt, werden sie auch zu Magneten. Um Akzeptanz des Publikums braucht sich dann niemand zu sorgen; die Heilige Schrift bürgt dafür: Am Ende des Prophetenteils der Bibel, in dem so viel über die Wirksamkeit des göttlichen Wortes nachgedacht wird, in Sach 8,23 heißt es:

"In jenen Tagen ists, da werden fassen zehn Männer von allen Stämmewelt-Zungen, anfassen den Rockzipfel eines jüdischen Mannes, sprechend: Mit euch wollen wir gehen, denn, wir habens gehört, Gott ist mit euch."

Alles kommt auch hier auf die Umkehr des Blicks an. Viel Mühe, viel zu viel Mühe wird in unseren Diözesen gegenwärtig noch verschwendet auf "ortlose" Angebote, auf Angebote, die einen bestimmten religiösen Inhalt für bestimmte Zielgruppen "rüberbringen" wollen. Dabei ist das Angebot klar definiert: Gott will das Leben! Aber das Angebot ist nicht erkennbar, solange es ortlos bleibt, keinen Raum findet. Es geht nicht um die richtigen Bewusstseinsinhalte, es geht um die Praxis eines anderen Lebens. Schafft Frei-Räume - das ist der biblische Schöpfungsauftrag! Gott hat schon angefangen! Zeigt, wo diese Räume, wo Gottes Räume sind!

Also: Der Bibel einen Raum!

Ich habe weit ausgeholt. Es war unvermeidlich, mit der Schöpfung anzufangen. Wo sonst könnte man lernen, was es bedeutet, Räume zu eröffnen?! Der BibelRaum des BibelForums Osnabrück ist kein bibeldidaktisches Experimentierstübchen. Das wäre zu wenig! Es geht doch um die Bibel als geschriebenes Wort Gottes, das Leben bringen will!

Das BibelForum des Bistums Osnabrück und das Haus Ohrbeck handeln schöpferisch. Sie geben der Bibel einen Raum, weil sie wissen, dass Raum der wahre Luxus ist. Und das es kein BibelLeben ohne einen BibelRaum geben kann!

Besser noch wären viele BibelRäume an vielen Orten des Bistums. Warum sollen nicht z.B. um Nachdrucke der Bistums-Bibel herum - in welcher Form auch immer neue BibelRäume entstehen? Es gibt genügend ungenutzte Nischen in den Kirchen, genügend bisher "tote" Kammern und Nebenräume in Gemeindezentren und Pfarrhäusern.

Das Wort Gottes will lebendig machen! Trauen wir es ihm nur zu! Gönnen wir uns den Luxus eines BibelRaums! Wir dürfen aus der Fülle leben.

http://www.bibfor.de/archiv/04.steins.htm


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Diese Seite wurde erstellt von Jesaja Michael Wiegard.