Biblisches Forum 1/98
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Informationen zum Autor Benedikt Jürgens:

Fremdes Feuer -
Das Scheitern eines Übergangsritus (Lev 10)

Unmittelbar nach dem komplizierten, acht Tage dauernden Ritus der Priesterweihe Aarons und seiner vier Söhne Nadab, Abihu, Eleasar und Itamar (Lev 8-9) kommt es zu einem tragischen Zwischenfall: Nadab und Abihu, die beiden ältesten Söhne, kommen zu Tode, nachdem sie einen Ritus ausgeführt haben, den "JHWH nicht befohlen" hatte (Lev 10,1). Wie konnte das geschehen? Die Priesterweihe ist doch am achten Tag (Lev 9) zu einem erfolgreichen Abschluss gelangt: JHWH ist "dem ganzen Volk" in seiner Herrlichkeit (Lev 9,23) erschienen und ein Feuer, das "von JHWH" ausging, hat die auf dem Altar liegenden Opfer verzehrt und dadurch die Annahme der Gaben signalisiert (Lev 9,24). Die Drastik des Vorfalls erschreckt. Ist sie nicht ein Indiz für die "Gewalttätigkeit gegen normabweichende, ‚sündige‘ Menschen und deren exzessiv-inhumane Bestrafung auf Wunsch und Befehl des biblischen Gottes"[ 1 ]?

Dem Text Lev 10 liegt die Logik der im Buch Levitikus beschriebenen Rituale zu Grunde, die dem modernen Leser nicht unmittelbar einsichtig sind. Außerdem ist die Erzählung vom Tod Nadabs und Abihus in einen kunstvoll komponierten Text integriert. Beides, die rituelle Logik sowie die sprachliche Gestalt des ganzen Texts Lev 10 müssen berücksichtigt werden, wenn man den Tod Nadabs und Abihus angemessen verstehen will.

I

Bei den in Lev 8-9 erzählten Ritualen handelt es sich um Übergangsriten (rites de passage).[ 2 ] Diese haben den Zweck, Initianden die (immer mit Risiken verbundene) Übernahme eines neuen Status zu ermöglichen. Durch Trennungsriten (rites de séparation) werden die Initianden aus dem profanen Lebenszusammenhang herausgenommen. Diese erste Phase "grenzt klar den sakralen Raum und die sakrale Zeit vom profanen oder säkularen Raum und der profanen Zeit ab. [...] Sie schließt symbolisches Verhalten - vor allem solche Symbole, die profane Dinge, Beziehungen und Prozesse umkehren - ein, das die Loslösung der rituellen Subjekte (Novizen, Kandidaten, Neophyten oder ‚Initianden‘) von ihrem früheren sozialen Status zum Ausdruck bringt."[ 3 ] Im Falle Aarons und seiner Söhne wird dies vor allem durch Waschungen und die Bekleidung mit besonderen Kleidern symbolisiert und realisiert (Lev 8,6-9.13).

Durch diese Trennungsriten gelangen die Initianden in eine liminale Phase, in der sie vom normalen Leben isoliert sind und keine religiöse oder soziale Rolle inne haben. Während dieser Phase "durchläuft das rituelle Subjekt eine Zeit oder einen Bereich der Ambiguität, eine Art sozialen Zwischenstadiums, das wenige der Merkmale (wenn auch manchmal außerordentlich bedeutsame) der vorangegangenen oder der folgenden Daseinsformen aufweist"[ 4 ]. Aaron und seine Söhne befinden sich sieben Tage lang in diesem Zustand: Sie dürfen den Eingang des Begegnungszelts nicht verlassen (Lev 8,33), befinden sich also außerhalb ihres bisherigen Lebenszusammenhangs und schon im Bereich ihrer künftigen Tätigkeit als Priester. Ihre neue Rolle wird in dieser Phase noch von Mose übernommen, der die Opfer darbringt. Allerdings nehmen Aaron und seine Söhne schon eine für die Priester typische Handlung vorweg, indem sie die von den Opfern übriggebliebenen Reste essen (Lev 8,31-32.36). Nach ihrer theoretischen Unterweisung (Lev 1-7) werden sie so sukzessiv in ihre neue Rolle eingeführt, bevor sie am achten Tag (Lev 9,1) ihre neue Rolle zum ersten Mal ausfüllen und damit in eine neue Normalität gelangen. Dieser Übergang wird in Aggregationsriten (rites d’agrégation) zum Ausdruck gebracht und realisiert. Diese dritte Phase "umfaßt symbolische Phänomene und Handlungen, die die Rückkehr der rituellen Subjekte in die Gesellschaft und zu ihren neuen, relativ stabilen und genau definierten Positionen darstellen"[ 5 ]. Aaron und seine Söhne vollziehen die Riten, indem sie zum ersten Mal selbständig Opfer darbringen (Lev 9).

Zunächst sieht es nach einem erfolgreichen Abschluss des Rituals aus, indem der kebod JHWH erscheint und die auf dem Altar liegenden Gaben verzehrt werden (Lev 9,23-24). Der Tod Nadabs und Abihus stellt den Erfolg jedoch nachdrücklich in Frage.

II

In welchem Kontext steht die Erzählung vom Tod der beiden Aaron-Söhne? Stimmt es, dass dem Kapitel "thematisch wie stilistisch jede Einheitlichkeit"[ 6 ] fehlt? Gibt der Text also doch keine Hinweise darauf, wie der Tod zu verstehen sein soll?

Auf der synchronen Ebene läßt sich m.E. eine planvolle Struktur des Texts erkennen, auf deren Hintergrund auch der Tod Nadabs und Abihus zu verstehen ist. Der Text ist durch den Wechsel von Erzählung und Rede gekennzeichnet, wobei der Schwerpunkt der Erzählung am Beginn des Texts liegt. In diesem Abschnitt entsteht auf der narrativen Ebene das Disäquilibrium mit dem Bericht über den Tod der beiden Aaron-Söhne. Die Reden lassen sich insgesamt fünf Abschnitten zuordnen. Im ersten und im letzten Abschnitt sind die Redeanteile mit narrativen Elementen verflochten, in den mittleren Abschnitten hingegen handelt es sich ausschließlich um Reden. Insgesamt läßt sich eine chiastische Struktur erkennen:

Disäquilibrium

Lev 10,1-2

Der Tod Nadabs und Abihus

A

Lev 10,3-5

Problemlösung durch Mose: Entfernung der Leichen

B

Lev 10,6-7

Erste Mose-Rede: Trauerverbot für Aaron und seine Söhne

C

Lev 10,8-11

JHWH-Rede: Aufgabe der Priester

B‘

Lev 10,12-15

Zweite Mose-Rede: Verzehr der Überreste von minchah und zebach schelamim

A‘

Lev 10,16-20

Problemlösung durch Aaron: Verzehr der Überreste des chatta´t-Bocks

Der narrative Abschnitt Lev 10,1-2 schafft mit dem Tod der beiden Aaron-Söhne das Disäquilibrium, das die folgenden Redehandlungen auslöst.

Teil A (Lev 10,3-5) thematisiert das Problem, das durch die beiden Leichen, die vor dem Begegnungszelt liegen, entstanden ist. Dieses Problem besteht darin, dass Aaron als Gesalbter Priester nicht an Trauerriten teilnehmen kann (vgl. Lev 21). Indem Aaron schweigt, reagiert er als Gesalbter Priester (vgl. Lev 8,12) angemessen auf die Situation (s.u.). Da es ihm verboten ist, sich an Leichen zu verunreinigen, kann er sich nicht um die sterblichen Überreste seiner Söhne kümmern. Mose löst das Problem, indem er Aarons Verwandte Mischael und Elzafan beauftragt, die sterblichen Überreste zu entfernen.

Teil B (Lev 10,6-7) gibt die erste große Rede des Mose wieder, in der Aaron und über diesen auch Eleasar und Itamar nun auch ausdrücklich die Trauer über den Tod Nadabs und Abihus untersagt wird (Lev 10,6-7).

Es folgt mit Teil C das Zentrum der Komposition mit der JHWH-Rede an Aaron (Lev 10,8-11), die das Alkoholverbot, die Aufforderung zur Unterscheidung von "heilig" und "profan" sowie "unrein" und "rein" und den Auftrag, die Israeliten die Satzungen JHWHs zu unterrichten, enthält. Um diesen Teil C legen sich die Teile B und B‘ wie ein innerer und die Teile A und A‘ wie ein äußerer Rahmen.

Der sich anschließende Teil B‘ (Lev 10,12-15) bringt die zweite große Rede des Mose mit Anweisungen an Aaron, Eleasar und Itamar. Diesmal geht es um den Verzehr der aus dem Ritual des achten Tages (Lev 9) übriggebliebenen Teile der minchah und des zebach schelamim des Volks.

Der Text wird durch das Streitgespräch zwischen Mose und Aaron (Teil A‘; Lev 10,16-20) abgeschlossen. Hier geht es um das Problem, was mit den Überresten des chatta´t-Bocks zu geschehen hat. Mose fragt erzürnt, warum Eleasar und Itamar die Überreste nicht gegessen haben. Aaron kann mit seiner rhetorischen Frage Mose von der Richtigkeit des Handelns überzeugen (Lev 10,19) und so das Problem lösen. Wie in Teil A entwickelt sich hier eine Handlungssequenz mit den Akteuren Mose und Aaron.

Die Erzählung vom Tod Nadabs und Abihus ist also Bestandteil einer Komposition, in deren Zentrum eine JHWH-Rede steht. Es ist zu vermuten, dass der ganze Text im Horizont dieser Rede gelesen werden soll.

III

Die zentrale JHWH-Rede an Aaron (Lev 10,8-11) enthält zwei Teile, deren Zusammenhang nicht unmittelbar einsichtig ist. Zunächst verbietet JHWH den Genuss von Wein und Bier für Aaron und seine Söhne, wenn sie ins Begegnungszelt hineingehen (Lev 10,9). Anschließend werden Aaron und seine Söhne aufgefordert, die Unterschiede zwischen "heilig" und "profan" sowie zwischen "unrein" und "rein" zu beachten und die Israeliten die Satzungen zu lehren, die JHWH dem Mose geoffenbart hat (Lev 10,10-11).

Neben der in Lev 10,9 geforderten Nüchternheit werden folgende Kriterien genannt, die Priester erfüllen müssen, um mit dem Heiligen in Kontakt treten zu können: Waschungen (Ex 30,20; 40,32), körperliche Unversehrtheit (Lev 21,16-24) und angemessene Kleidung (Ex 28,31-35.39-43). Die Abstinenz von Bier und Wein ist das einzige der hier aufgezählten Gebote, das nicht nur von Priestern, sondern auch von Laien gefordert wird, wenn sie in einem Zustand besonderer Heiligkeit leben (vgl. Num 6,3; Dtn 29,5; Ri 13,4.7.14; 1 Sam 1,15). Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet dieses Kriterium an dieser Stelle genannt wird? Schließlich sollen diese Vorschrift alle erfüllen, die in einem besonderen Zustand der Heiligkeit leben, gleich ob es sich um Priester oder Laien handelt.

Nach Lev 10,10-11 ist die Unterscheidung (bdl hi.) zwischen "heilig" und "profan" sowie zwischen "unrein" und "rein" eine der beiden Hauptaufgaben der Priester. Vor allem die Gegensätze "unrein" und "rein" sind immer wieder Gegenstand christlicher Kritik gewesen. Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass auch im Christentum die Unterscheidung von "unrein" und "rein" eine lange Geschichte hat.[ 7 ] Auch die These, dass im NT die jüdischen Reinheitsvorschriften in Frage gestellt würden, beispielsweise von der "blutflüssigen" Frau unter Zustimmung Jesu (Mk 5,25-34; vgl. Mt 9,20-22; Lk 8,43-48), ist nicht haltbar: "Die Frau wird von ihrer Krankheit geheilt, nicht vom Gesetz."[ 8 ] Hinter der Kritik verbergen sich in der Regel antijüdische Vorurteile und Unkenntnis.

Die Bedeutung der Unterscheidung (bdl hi.) wird bei einem Blick in den ersten Schöpfungsbericht des Buches Genesis deutlich. Dort unterscheidet JHWH zwischen Licht und Finsternis, Himmel und Erde sowie Tag und Nacht (Gen 1,4.6.7.14.18). Dadurch wird die Schöpfung in eine Ordnung gebracht und kommt ihre Vollkommenheit zum Ausdruck. Mit der Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren (Lev 11,47; 20,25) wird diese von JHWH gesetzte Schöpfungsordnung im alltäglichen Leben Israels symbolisch verinnerlicht. "[...] die Speisegesetze [waren] wie Zeichen, die in jedem Moment zum Nachdenken über die Einheit, Reinheit und Vollkommenheit Gottes anregten. Die Meidungsvorschriften verliehen der Heiligkeit bei jeder Begegnung mit dem Tierreich und bei jeder Mahlzeit einen physischen Ausdruck."[ 9 ]

Die zweite wichtige Aufgabe der Priester ist es, die Israeliten die "Satzungen" (Lev 10,11) zu lehren, die JHWH dem Mose auf dem Sinai offenbart und die Mose an Aaron und seine Söhne weitergegeben hat. Das Wissen der Priester soll aus der Sicht von Lev 10,9-10 kein esoterisches Wissen von kultischen Experten bleiben. Das Volk soll alle Einzelheiten von den Priestern erfahren. Auch wenn die Laien an den meisten konkreten kultischen Vollzügen beim Opfer nicht beteiligt sind, so sollen sie doch im Wissensstand den Priestern gleichgestellt sein.

Es ist also kein Zufall, dass JHWH zu Beginn seiner Rede Aaron und seinen Söhnen den Genuss von Wein und Bier verbietet. Dieses Verbot trifft auch die Laien, die sich JHWH weihen bzw. ihm in besonderer Weise nahe sind. In diesem Punkt sind Priester und Laien in ihrem kultischen Verhalten vor JHWH gleichgestellt. Die JHWH-Rede will als Ganze klarstellen, dass die Weisungen des Buches Levitikus, selbst die, die ganz speziell die Priester betreffen, das ganze Volk Israel angehen. Es gibt im Buch Levitikus keine esoterischen, einer exklusiven Gruppe von Spezialisten vorbehaltenen Lehren. Das Volk als Ganzes soll JHWH nahe sein und "ein Königtum von Priestern und ein heiliges Volk" (Ex 19,6) werden.[ 10 ]

Diese zentrale JHWH-Rede wird von den Mose-Reden gerahmt. Beide beschäftigen sich mit rituellen Anweisungen für Aaron und seine Söhne.

In seiner ersten großen Rede (Lev 10,6-7) verbietet Mose dem Aaron und seinen Söhnen Eleasar und Itamar die Teilnahme an Trauerritualen. Stattdessen sollen die Israeliten diese Aufgabe übernehmen. Allerdings sollen sie nicht Nadab und Abihu beweinen, sondern den Brand, "den JHWH entfacht hat" (Lev 10,6f). Das eigentliche Unglück besteht nicht im Tod der beiden Aaron-Söhne, sondern in der für das Heiligtum entstandenen gefährlichen Situation der Verunreinigung durch die beiden Leichen.[ 11 ]

Neben der Verunreinigung des Heiligtums führte der Zwischenfall auch zur Unterbrechung des rituellen Geschehens des achten Tags. Nadab und Abihu verhinderten mit der Darbringung des "fremden Feuers", dass das Ritual des achten Tages ordnungsgemäß zu Ende geführt werden konnte und die Überreste des qorban des Volks (vgl. Lev 9,15-21) noch nicht versorgt worden sind. Mose fordert Aaron und seine Söhne in seiner zweiten Rede (Lev 10,12-15) auf, die übrige minchah (Lev 10,12; vgl. Lev 6,9) neben dem Altar, innerhalb des heiligen Bezirks (an einem "heiligen Ort"; Lev 10,13) zu verzehren. Die Anteile Aarons und seiner Familie am zebach schelamim des Volks sollen "an einem reinen Ort" (Lev 10,14) verzehrt werden.

Den äußeren Rahmen um die drei Reden bilden Abschnitte, in denen Redeanteile mit narrativen Elementen verbunden sind. Unmittelbar nach dem Bericht vom Tod Nadabs und Abihus wird die Reaktion auf diesen Vorfall erzählt (Lev 10,3-5). Nach dem Ritual des achten Tages der Priesterweihe jubelte das Volk (Lev 9,24). Auch hier zeigt sich - wie das von Mose zitierte JHWH-Wort sagt - die Heiligkeit JHWHs (Lev 10,3), nun allerdings als tremendum. Deshalb fällt die Reaktion nun ganz anders aus: Vom Volk ist hier nicht die Rede, während Aaron in Schweigen verfällt (Lev 10,3). Die Septuaginta interpretiert Aarons Reaktion als Ausdruck seiner Trauer: "Und Aaron war tief betrübt." Erhard S. Gerstenberger sieht im Schweigen Aarons dessen Ratlosigkeit: "Der Schlußsatz: ‚Aaron schwieg dazu‘ (Lev 10,3) will darauf hinweisen, daß der Ahnherr der Priesterschaft in diesem Fall keine plausible Erklärung für das Fehlverhalten der Söhne hat [...] und somit ebenfalls kompromittiert ist, auch wenn er der Strafe entgeht."[ 12 ]

Vielleicht kann der Text auch anders verstanden werden. Normalerweise reagierte man auf den Tod eines Angehörigen mit dem Zerreißen des Gewandes (z.B. Gen 37,34; 2 Sam 1,11; 3,31; 13,31; Ijob 1,20), dem Ausstoßen von Seufzern und Schreien (z.B. 2 Sam 19,1.5; 1 Kön 13,30; Jer 22,18; 34,5; Am 5,16; Mi 1,8) und dem Anstimmen von Klagegesängen (z.B. 2 Sam 1,17-27; 3,33-34; 2 Chr 35,25; 1 Makk 9,20-21; Jer 9,16-21; Ez 19,1-14; 26,17-18; 27,2-10.25-36, 28,12-19; 32,2-16; Am 5,1-17).[ 13 ] Das Schweigen ist also aus biblischer Sicht eine äußerst ungewöhnliche Reaktion auf den Tod eines Angehörigen. Aaron beginnt nicht mit den zu erwartenden Trauerriten. Er erfüllt hier allerdings das für den Gesalbten Priester geltende Verbot, an Trauerriten teilzunehmen, das Mose wenig später offiziell anordnet (Lev 10,6-7; vgl Lev 21). Aaron handelt sozusagen in vorauseilendem Gehorsam und verhält sich in dieser Situation vorbildlich. Er erweist sich als vorbildlicher Priester, indem er in dieser unvorhergesehenen Situation auf der Grundlage der ihm bereits bekannten und während der liminalen Phase der Übergangsriten internalisierten kultischen Bestimmungen (Lev 1-7; 8-9) die richtige Entscheidung trifft.

Die nicht eingeplante Situation besteht darin, dass durch den Tod Nadabs und Abihus der eigentlich unbedingt zu vermeidende Fall eingetreten ist: Die beiden vor dem Eingang des Begegnungszelts liegenden Leichen verunreinigen den Bereich des Heiligen. Die dringlichste Aufgabe besteht deshalb darin, diese Unreinheit zunächst einmal zu beseitigen. Die dazu notwendigen Anweisungen trifft Mose in Lev 10,4-5. Da Aaron aufgrund seiner Eigenschaft als Gesalbter Priester diese Aufgabe nicht wahrnehmen kann (Lev 21), beauftragt Mose zwei Verwandte des Aaron, nämlich Mischael und Elzafan (vgl. Ex 6,18-20), die Leichen aus dem Lager heraus zu schaffen.

Der den Text abschließende Teil (Lev 10,16-20) berichtet von einem Streit zwischen Mose und Aaron. Bisher waren im rituellen Ablauf trotz des massiven Zwischenfalls keine Abweichungen von den präskriptiven Texten (Lev 1-7) zu beobachten. Ein Streit entzündet sich erst in der Frage der Behandlung des Ziegenbocks der chatta´t des Volks. Bei dieser chatta´t war offengeblieben, was mit den Überresten zu geschehen hat. Da das Blut nicht in das Innere des Heiligtums gelangt ist, geht Mose davon aus, dass Aaron und seine Söhne die Überreste nach der Vorschrift von Lev 6,17-23 verzehrt haben (Lev 10,18). Deshalb ist er erzürnt, dass er den chatta´t-Bock verbrannt vorfindet und die Vorschrift JHWHs damit mißachtet ist (Lev 10,16).

Warum haben Aaron und seine Söhne die Reste der chatta´t nicht verzehrt, sondern außerhalb des Lagers verbrannt? Die Antwort des Aaron in der Form einer rhetorischen Frage ist sehr schwer zu verstehen. Ihr ist allerdings zu entnehmen, dass sich durch den Tod Nadabs und Abihus eine besondere Situation ergeben hat, durch die diese Abweichungen nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar notwendig geworden sind. Die Entfernung der Überreste einer chatta´t ist deshalb notwendig, weil die Unreinheit durch den Blutapplikationsritus (vgl. Lev 4) auf den Kadaver des Opfertiers übergegangen ist. Die Unreinheit wird entweder durch Verbrennen oder durch Verzehr entfernt. In der Bibel sind außer den chatta´t-Riten während der Übergangsriten von Lev 8-9 nur drei Fälle belegt, in denen die Überreste einer chatta´t verbrannt werden: im Fall der Sünde eines Gesalbten Priesters (Lev 4,11-12), im Fall der Sünde der ganzen Gemeinde (Lev 4,20-21) und am Jom Hakkippurim mit beiden chatta´t-Tieren (Lev 16,27-28). Bei allen drei Beispielen handelt es sich um besonders schwere Arten der Verunreinigung, so dass ein Verzehr der mit der Unreinheit kontaminierten Tiere als zu gefährlich erscheint. In den allermeisten Fällen jedoch beseitigt der Priester die Überreste, indem er sie "an einem heiligen Ort" isst, also innerhalb des Heiligtums (Lev 6,19). Unter normalen Umständen hätten Aaron und seine Söhne die Überreste der chatta´t des Volks gegessen. Da das Blut dieser chatta´t nicht ins Heiligtum gebracht wurde, war die Verunreinigung nicht so stark, als dass ein Verzehr zu gefährlich gewesen wäre. Die Situation hat sich jedoch durch den Tod Nadabs und Abihus grundsätzlich geändert. Ihre im Vorhof des Begegnungszelts liegenden Leichen haben das ganze Heiligtum verunreinigt. Davon sind auch in besonderem Maße die Überreste der chatta´t des Volks betroffen, so dass sich für Aaron der Status dieser chatta´t verändert hat.[ 14 ] Mose läßt sich nach dem Text von der (rhetorischen) Frage des Aaron überzeugen.

Wie schon zu Beginn des Texts stellt Aaron ein weiteres Mal unter Beweis, dass er das priesterliche Wissen beherrscht und sich in unvorhergesehenen Situationen auch ohne explizite Anweisungen durch JHWH oder Mose richtig verhält. Aaron hat seine neue Rolle als Gesalbter Priester zu Recht übernommen und zeigt, dass er in der Lage ist, diese Rolle auch kompetent auszufüllen.

IV

Es bleibt also die Frage nach dem Grund für den Tod Nadabs und Abihus. Das Ritual, das die beiden ausführen, ist merkwürdig. Es wird zuvor nirgendwo erwähnt. Erst später wird erzählt, dass Aaron am Jom Hakkippurim einen vergleichbaren Ritus vollziehen soll, wenn er das Allerheiligste betritt (Lev 16,12-13). Auch im Zusammenhang mit der Erzählung vom Frevel Korachs und seines Anhangs (Num 16-17) wird geräuchert. An dieser Stelle dient es dazu, in einer Art Probe die Legitimität der Führungsrolle des Mose und Aarons zu zeigen. Die Aufrührer werden vom Erdboden verschluckt (Num 16,33) und vom Feuer verzehrt (Num 16,35). In der Hand Aarons hingegen hat das Räuchern sühnende Funktion: Durch dessen Räuchern wird das murrende Volk vor einer tödlichen Plage bewahrt (Num 17,6-15). Wie kommen Nadab und Abihu nach der Erscheinung des kebod JHWH dazu, ein Rauchopfer darzubringen? Warum handelt es sich hier um eine Darbringung, die - im Unterschied zu denen von Lev 16,12-13 und Num 17,6-15 - tödlich endet, obwohl Nadab und Abihu doch wie ihr Vater Aaron durch ihre Heiligung zu kultischen Handlungen befähigte Personen sind?

Aufgrund der negativen Übereinstimmungsformel[ 15 ] und damit aufgrund der Textbasis (Lev 10,1) liegt es nahe, den Tod Nadabs und Abihus als Strafe zu interpretieren. Zwar zeigt sich auch hier - wie in Lev 9,24 - die Heiligkeit und Herrlichkeit JHWHs, allerdings in der gefährlichen, tödlichen Variante: "[...] when men, such as Nadab and Abihu and the rebellious men under Korah, committed cultic sins, God’s anger could strike out as a consuming fire. It is the same fire which under right circumstances indicated God’s pleasure in the sacrifice".[ 16 ]

Worin besteht nun das Problem des Räucherns in Lev 10? Bei den legitimen Räucherritualen wird ausdrücklich gesagt, dass das Feuer zur Entzündung des Räucherwerks vom (Brandopfer-) Altar genommen werden muss (Lev 16,12; Num 17,11) - es stammt also von einer "heiligen" Quelle. Nadab und Abihu hingegen verwenden "fremdes Feuer", (Lev 10,1), eben Feuer, das nicht vom Brandopferaltar und damit von einer profanen Quelle stammt. Es ist "illegitimes, von Menschenhand entfachtes Feuer".[ 17 ] Dieses Räuchern empfindet JHWH nicht als "beruhigenden Duft" (vgl. Lev 1,13.17; 2,2.9; 3,5; 6,14; 23,18). Im Gegenteil: Die Darbringung Nadabs und Abihus "stinkt" ihm.

Archäologische Untersuchungen[ 18 ] haben gezeigt, dass der Räucherkult in Israel und Juda nicht nur im offiziellen Kult beheimatet war, sondern darüber hinaus besonders in der privaten Frömmigkeit, also im - aus der Sicht der Texte des Buches Levitikus - profanen Bereich, sehr beliebt war. Lev 10 richtet sich allerdings nicht grundsätzlich gegen das Räuchern in profanen Kontexten. Der Fehler Nadabs und Abihus scheint eher darin zu bestehen, dass sie die besondere Situation "vor JHWH" nicht berücksichtigt haben. "Vor JHWH", d.h. im Bereich des Heiligen, gelten besondere Gesetzmäßigkeiten für das Räuchern: Das Räucherwerk darf nicht mit irgendwelchem, beliebigen Feuer entzündet werden, sondern nur mit Feuer von einem heiligen Gegenstand wie dem Altar. Was außerhalb des Heiligtums legitim sein mag (Räuchern mit "irgendwelcher" Kohle), ist innerhalb des Heiligtums strengstens verboten, im wahrsten Sinne des Wortes "brandgefährlich" (vgl. auch Ex 30,37-38).

Nadab und Abihu waren also nicht in der Lage, zwischen "heilig" und "profan" zu unterscheiden. Das ist allerdings eine der Hauptaufgaben der Priester (Lev 10,9-11; s.o.)! Ein Verstoß gegen das Unterscheidungsgebot ist alles andere als eine Kleinigkeit. Nadab und Abihu haben mit ihrer Darbringung sozusagen ihre berufliche Unfähigkeit unter Beweis gestellt - trotz des großen pädagogischen (Lev 1-7) und rituellen Aufwandes (Lev 8-9), dem sie unterzogen werden.

Der Tod Nadabs und Abihus ist im Kontext von Lev 10 und des rituellen Systems des Buches Levitikus als Folge eines im Fall der beiden ältesten Aaron-Söhne gescheiterten Übergangsritus zu sehen. Die beiden mussten sterben, weil sie ihr berufliches Wissen nicht beherrschten. Das Unbehagen angesichts der Drastik der Strafe bleibt. Allerdings dürfte deutlich geworden sein, dass die Strafe einen Grund hatte und nicht willkürlich verhängt wurde. Natürlich müßte auch der Frage nachgegangen werden, ob sich hinter dem Vorfall nicht Auseinandersetzungen rivalisierender Priestergruppen verbergen. Dazu fehlt hier leider der Platz.[ 19 ]


Anmerkungen
[ 1 ]
Buggle, Franz (1992): Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1992, 68.
[ 2 ]
Van Gennep, Arnold (1909): Les rites de passage, Paris: E. Nourry 1909; deutsche Ausgabe: Van Gennep, Arnold (1986): Übergangsriten, Frankfurt a.M. / New York: Campus-Verlag 1986.
[ 3 ]
Turner, Victor (1995): Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels, Frankfurt a.M.: Fischer 1995, 34-35.
[ 4 ]
Turner (1995) 35.
[ 5 ]
Turner (1995) 35; vgl. zum Ganzen auch Leach, Edmund (1978): Kultur und Kommunikation. Zur Logik symbolischer Zusammenhänge, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1978, 100.
[ 6 ]
Gerstenberger, Erhard S. (1993): Das dritte Buch Mose. Leviticus (ATD 6), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1993, 105.
[ 7 ]
Vgl. dazu Lutterbach, Hubertus (1998): Die Speisegesetzgebung in den mittelalterlichen Bußbüchern (600-1200). Religionsgeschichtliche Perspektiven, in: Archiv für Kulturgeschichte 80 (1998), 1-37.
[ 8 ]
Metternich, Ulrike (1998): "Sie berührte sein Gewand." Reinheit und Unreinheit in Galiläa, in: Bibel heute 135 (1998), 194-195, hier: 195. Zur Problematik der Reinheitsgesetze im NT vgl auch Bauckham, Richard (1998): The Scrupulous Priest and the Good Samaritan: Jesus' Parabolic Interpretation of the Law of Moses, in: New Testament Studies 44 (1998), 475-489.
[ 9 ]
Douglas, Mary (1966): Purity and Danger. An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo, London: Routledge & Kegan Paul 1966, zit. nach der deutschen Ausgabe: Douglas, Mary (1985): Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigungen und Tabu, Berlin: Reimer 1985, 78.
[ 10 ]
Im Judentum hat diese Forderung nach der Heiligkeit im Begriff des Kiddusch HaSchem eine zentrale Bedeutung erlangt. Vgl. dazu Lenzen, Verena (1995): Jüdisches Leben und Sterben im Namen Gottes. Studien über die Heiligung des göttlichen Namens (Kiddusch HaSchem), München / Zürich: Piper 1995.
[ 11 ]
Vgl. dazu Milgrom, Jacob (1991), Leviticus 1-16. A New Translation with Introduction and Commentary (AB 3), New York / London / Toronto / Sydney / Auckland: Doubleday 1991, 610.
[ 12 ]
Gerstenberger (1993) 108.
[ 13 ]
Zu den Trauerriten im biblischen Israel vgl. Jahnow, Hedwig (1923): Das hebräische Leichenlied (BZAW 36), Gießen: Verlag Alfred Töpelmann 1923, bes. S. 1-90; De Vaux, Roland (1964): Das Alte Testament und seine Lebensordnungen I., Freiburg / Basel / Wien: Herder 1964, 99-107; Wenning, Robert / Zenger, Erich (1990): Tod und Bestattung im biblischen Israel. Eine archäologische und religionsgeschichtliche Skizze, in: Hagemann, Ludwig (Hrsg.) (1990): "Ihr alle aber seid Brüder". FS für A. Th. Khoury, (Würzburger Forschungen zur Missions- und Religionswissenschaft. Religionswissenschaftliche Studien 14), Würzburg: Echter 1990, 285-303; Lewis, T.J. (1989): Cults of the Dead in Ancient Israel and Ugarit, Atlanta: Scholars Press 1989.
[ 14 ]
Vgl. dazu Milgrom (1991) 635-640.
[ 15 ]
Unter "Übereinstimmungsformel" verstehe ich Wendungen in der Form "wie JHWH dem X befohlen hat". Diese Formel hat in Texten der Bücher Exodus und Levitikus oft eine wichtige strukturierende Funktion. Vgl. dazu Levine, B.A. (1963): Ugaritic Descriptive Rituals, in: JCS 17 (1963), 105-111; Levine, B.A. (1965): The Descriptive Tabernacle Texts of the Pentateuch, in: JAOS 85 (1965), 306-319; Blenkinsopp, Joseph (1976): The Structure of P, in: CBQ 38 (1976), 275-292; Klingbeil, Gerald A. (1996): The Syntactic Structure of the Ritual of Ordination (Lev 8), in: Biblica 7 (1996), 509-519; Klingbeil, Gerald A. (1997): Ritual time in Leviticus 8 with special reference to the seven day period in the Old Testament, in: ZAW 109 (1997), 500-513; Milgrom (1991) 556-569.
[ 16 ]
Laughlin, John (1976): The Strange Fire of Nadab and Abihu, in: JBL 96 (1976), 559-565; hier 562. Zur rabbinischen und philonischen Interpretation vgl. Kirschner, Robert (1983): The Rabbinic and Philonic Exegesis of the Nadab and Abihu Incident (Lev 10:1-6), in: JQR 73 (1983), 375-393 und Milgrom (1991) 633-635.
[ 17 ]
Gradwohl, Roland (1963): Das "fremde Feuer" von Nadab und Abihu, in: ZAW 75 (1963), 288-296, hier 291; vgl. auch Laughlin (1976) 561 und Morgenstern, J. (1963): The Fire Upon the Altar, Chicago: Quadrangle Books 1963, 6.
[ 18 ]
Vgl. dazu die Arbeit von Zwickel, Wolfgang (1990): Räucherkult und Räuchergeräte. Exegetische und archäologische Studien zum Räucheropfer im Alten Testament (OBO 97), Fribourg / Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1990.
[ 19 ]
Vgl. dazu aber Blenkinsopp, Joseph (1998), The Judean Priesthood during the Neo-Babylonian and Achaemenid Periods: A Hypothetical Reconstruction, in: CBQ 60 (1998), 25-43.