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Eva Ebel, Greifswald

Der Stein und die Steine.

Methodische Erwägungen zur Benutzung von epigraphischen Quellen am Beispiel IG II2 1368

Bei der Erforschung des Umfeldes der frühen christlichen Gemeinden kommt den paganen Vereinen eine große Bedeutung zu, bilden sie doch auf Grund eines ähnlichen Angebots (regelmäßige Zusammenkünfte, gemeinsame Mahlzeiten, kultische Elemente) eine in der Gesellschaft fest etablierte Konkurrenz zu den neu entstehenden Gemeinschaften der Christen.

Die wichtigste Quelle für das antike Vereinswesen sind Inschriften: Viele berichten von Stiftungen an einen Verein, einige enthalten eine Mitgliederliste (album), wenige tradieren die Satzung (lex) eines Vereins. Insbesondere die letztgenannte Gruppe von epigraphischen Zeugnissen wird in neutestamentlichen Untersuchungen immer wieder zitiert, leider zumeist in Paraphrase oder in auszugsweisen Übersetzungen ohne Wiedergabe des Urtextes. Dieses Verfahren entbehrt nicht einer gewissen Fragwürdigkeit, zumal wohl kaum jeder Leser die entsprechenden Inschriftencorpora griffbereit hat. Erst Thomas Schmeller hat seiner Studie[ 1 ] im Anhang den Text und als "Arbeitsinstrument"[ 2 ] eine Übersetzung der vier wichtigsten Inschriften, die ein Vereinsstatut enthalten, beigefügt. Wie ertragreich eine sorgfältige Analyse dieser Texte für die Interpretation der Struktur der frühen christlichen Gemeinden im Verhältnis und nicht zuletzt in Abgrenzung zu den Gemeinschaften ihrer Umwelt sein kann, zeigt seine Arbeit beispielhaft im Blick auf hierarchische und egalitäre Elemente innerhalb der untersuchten Gruppen.

Diesen Ansatz ausbauend, gilt es einerseits, bei der Untersuchung weiterer Elemente des Gemeinschaftslebens der Vereinsgenossen und der Christen aussagekräftige Inschriften vertiefend in bezug auf Textkritik und Übersetzung zu bearbeiten. Andererseits möchte ich im Folgenden zeigen, dass es nicht ausreicht, eine Inschrift allein als Text zu interpretieren. Erst durch eine sorgfältige Berücksichtigung der Fundumstände kann ein lebendiges und umfassendes Bild des Vereins entstehen. Beispielsweise gewinnen inschriftliche Anweisungen zur Einhaltung der Sitzordnung erst dann Plastizität, wenn die tatsächliche Gestalt des Versammlungsraumes und die Anordnung der Klinen bekannt sind. Der Befund des einen Steins muss also durch den weiterer Steine, wie etwa der Überreste des Vereinshauses, ergänzt werden.

Die Erforschung der Vereinshäuser beschränkt sich geographisch bisher auf Italien: Gustav Hermansen[ 3 ] hat sich den Vereinshäusern von Ostia gewidmet, jüngst hat Beate Bollmann[ 4 ] eine Untersuchung zu den römischen Vereinshäusern in Italien vorgelegt. Ihr vordringliches Anliegen ist es, Kriterien für die Identifizierung von Vereinshäusern zu erarbeiten und eine Typisierung der Bauten vorzunehmen; außerdem bietet sie einen Katalog der gesicherten und wahrscheinlichen Vereinshäuser. Sie hat damit auf archäologischer Seite für den von ihr untersuchten geographischen Bereich eine hervorragende Grundlage für eine Verknüpfung der Ergebnisse von Archäologie und Epigraphik geschaffen.

Der Verein der Iobakchen in Athen

Unter den privaten Vereinen der Antike nehmen die Iobakchen in Athen und die cultores Dianae et Antinoi in Lanuvium die prominentesten Stellen ein. Beide haben im 2. Jahrhundert n. Chr. Inschriften errichten lassen, die uns einen detaillierten Einblick in ihr Vereinsleben ermöglichen und die Grundlage der meisten Untersuchungen über griechisch-römische Vereine bilden. Während jedoch der lanuvische Verein über seine im öffentlichen Bad - also nicht in einem Vereinshaus - gefundene Inschrift[ 5 ] hinaus archäologisch kaum greifbar ist,[ 6 ] liegen im Fall des Athener Vereins der Bacchusverehrer hochinteressante archäologische Ergebnisse vor. Diese hat in ihrer Gesamtheit nicht nur die neutestamentliche Forschung mit Ausnahme von Dennis Edwin Smith[ 7 ] bisher nicht beachtet, auch die Archäologen nehmen mit der Entdeckung der Funde umgehend eine Trennung zwischen der Untersuchung des Fundgebiets, des Vereinshauses, der Inschrift und der weiteren Fundstücke vor, die nicht wieder aufgehoben wird. Zwar beschäftigen sich auf diese Weise Spezialisten mit dem jeweiligen Forschungsgegenstand, die Chance einer gegenseitigen Bereicherung der Teilgebiete aber wird vertan. Deshalb soll an dieser Stelle versucht werden, alle fassbaren Informationen zu verknüpfen, wobei der nun kompliziertere Befund am Ende oft mehr Fragen als Antworten hervorbringt.

1. Das Grabungsgebiet

Das Vereinshaus der Iobakchen, das Bakcheion, wurde 1894 während der Ausgrabungen des Deutschen Archäologischen Instituts am Westabhang der Akropolis zwischen Areopag und Pnyx, die vor allem die Entdeckung der Enneakrunos zum Ziel hatten,[ 8 ] gefunden. Die unter diesem Gebäude aus römischer Zeit entdeckten älteren Anlagen wurden von Wilhelm Dörpfeld als Dionysosheiligtum, nämlich das Dionysion e0n li/mnaij, identifiziert.[ 9 ] Erst einige Jahre nach den Ausgrabungen entwickelte sich vornehmlich zwischen Dörpfeld und seinem Schüler August Frickenhaus eine Debatte darüber, ob es sich tatsächlich um einen heiligen Bezirk des Dionysos oder um ein Heroon des Herakles, nämlich das Herakleion von Melite, handelt.[ 10 ] Hauptstreitpunkt ist neben der Interpretation der Kelter die Deutung einiger Steinplatten mit runden Einsenkungen, die Dörpfeld zu einem für Dionysos besonders typischen Altar in Tischform ergänzen will,[ 11 ] Frickenhaus hingegen zu einem Viersäulenbau, der in Athen ausschließlich im Herakleskult zur Anwendung kommt, sich aber nur durch Abbildungen auf Vasen und Weihreliefs belegen lässt.[ 12 ] Ein Hinweis auf Herakles ist der Fund eines Heraklestorso[ 13 ]; andere Skulpturfunde, die eventuell einen Hinweis auf Dionysos oder Herakles geben würden, liegen aus den älteren Schichten nicht vor, einzig zahlreiche Scherben sind dort zu Tage getreten.[ 14 ]

Im Blick auf unsere Iobakchen würde die von Dörpfeld vertretene Position ihrer Verehrung des Dionysos eine besondere Qualität verleihen, da eine bis mindestens ins 6. Jahrhundert v. Chr. zurückdatierbare Kultkontinuität[ 15 ] vorläge. Im Anschluss an Frickenhaus, dessen Einschätzung heute weitgehend Konsens ist,[ 16 ] aber dahingehend korrigiert wurde, dass der Viersäulenbau der Abhaltung von Kultmählern des Herakles diente,[ 17 ] erhebt sich die Frage, wie es zur Einrichtung des Dionysoskultes in diesem Gebiet gekommen ist. Frickenhaus vertritt die Auffassung, dass, nachdem der Kult des Herakles an Bedeutung verloren hatte, "die Gemeinde das Heiligtum zuschütten ließ und das Terrain an eine beliebige Privatgesellschaft verkaufte"[ 18 ]. Die Verehrer des Dionysos interessierte möglicherweise besonders die auf diesem Gebiet existierende Weinkelter.[ 19 ]

2. Das Vereinshaus

Etwa 2 m über dem Niveau der älteren Anlagen liegt das Vereinshaus der Iobakchen;[ 20 ] d.h. die vieldiskutierten Einrichtungen, seien sie nun zur Verehrung des Herakles oder des Dionysos errichtet worden, waren in römischer Zeit nicht mehr sichtbar.

Der Festsaal weist die beeindruckenden Maße von 18,80 m in der Länge und 11,25 m in der Breite auf.[ 21 ] Er ist durch zwei Reihen von je vier Säulen in ein breites Mittelschiff und zwei schmalere Seitenschiffe gegliedert. In der Mitte der östlichen Schmalseite befindet sich eine viereckige Apsis. Vermutlich liegt direkt gegenüber der archäologisch nicht nachweisbare Haupteingang[ 22 ], der Saalbau ist also nach dem Prinzip der Axialität gestaltet. Der Blick des Eintretenden fällt aber zunächst auf drei Anlagen in der Mittelachse: Vorn ein viereckiger Bau von 1,75 x 0,80 m, dann ein runder Bau mit einem 1,50 m tiefen Loch von 38 cm Durchmesser und schließlich ein wiederum viereckiger Bau von 3,40 x 1,90 m.[ 23 ] Die rechteckigen Konstruktionen sind vermutlich als Fundamentreste zweier "Schenk- oder Serviertische"[ 24 ] zu interpretieren. Abgetrennt von dem Festsaal und nur von der Apsis her zu erreichen ist ein Nebenraum an der Nordostecke des Gebäudes.

Ein solches großzügig angelegtes Vereinsgebäude, dessen Festsaal eine Fläche von mehr als 200 m2 umfasst, setzt voraus, dass der Verein über eine wohlgefüllte Vereinskasse verfügt und/oder von mindestens einem sehr spendenfreudigen Patron finanziell unterstützt wird. Nur mit Vorsicht lassen sich Rückschlüsse von der Größe eines Vereinshauses auf die Mitgliederzahl ziehen[ 25 ], 50-100 Mitglieder sind aber bei den Vollversammlungen bequem unterzubringen.

3. Die Inschrift

Der wichtigste Fund im Bakcheion ist zweifellos die Inschrift[ 26 ], die zur eindeutigen Identifizierung des Gebäudes berechtigt.[ 27 ] Sie steht - in zwei Kolumnen geteilt und oben mit einem Giebelrelief abgeschlossen, so dass sich ein stelenartiges Aussehen ergibt[ 28 ] - auf einer Säulentrommel, die den übrigen gefundenen Säulen gleicht, und war deshalb wohl im großen Festsaal den Vereinsgenossen beständig vor Augen.[ 29 ]

Der Text der Inschrift kann hier aus Platzgründen, obwohl ein solches Verfahren den oben gestellten Forderungen keineswegs entspricht, weder abgedruckt noch diskutiert werden. Einzig ihr Inhalt kann kurz skizziert werden. Der erste Abschnitt (Z. 2-31) gibt in einem lebhaften Bericht Auskunft über den Anlass der Errichtung der Stele: Nach einer Amtszeit von 23 Jahren als Priester des Vereins tritt Aurelios Nikomachos zugunsten des Herodes Atticus[ 30 ] zurück, nachdem er zuvor schon 17 Jahre lang Anthiereus gewesen ist[ 31 ], und übernimmt selbst wieder das zweithöchste Amt im Verein. Nach diesem Akt beschließen die begeisterten Vereinsgenossen die Statuten ( do/gmata) des Vereins; diese sollen, eingeleitet durch das Protokoll der Sitzung, schriftlich festgehalten werden. Die Addition der Amtsjahre des Nikomachos belegt, dass der Verein mindestens schon vierzig Jahre lang besteht; wenn nun Statuten beschlossen werden, signalisiert dieses die Einleitung einer neue Phase der Vereinsgeschichte.

Die Nennung des Herodes Atticus ist nicht nur für die Datierung der Inschrift wertvoll,[ 32 ] sondern bindet die Geschehnisse in unserem Verein in den Ablauf der Athener Geschichte ein: Nachdem sich Herodes Atticus durch seinen Einspruch gegen das Testament seines Vaters, das für jeden Athener die jährliche Zahlung einer Mine vorsah, unbeliebt gemacht hat, sucht er die Gunst des einfachen Volkes wiederzugewinnen; in diesem Bestreben engagiert er sich bei den Iobakchen.[ 33 ] Die Übernahme eines regulären Vereinsamtes kann ebenso wie die Übernahme eines Vereinspatronats von Motiven wie Prestigegewinn und Einflusserweiterung geleitet sein, besonders wenn eine erhebliche Statusdifferenz zwischen dem Funktionär und den übrigen Vereinsmitgliedern vorliegt. Als Gegenleistung für die Verdienste ehrt der Verein seine Wohltäter mit Festmählern an deren Geburtstagen, mit der Verleihung von Ehrentiteln oder besonders öffentlichkeitswirksam durch die Aufstellung von Inschriften. Im Gegenzug profitiert auch der Verein nicht nur finanziell von dem Engagement einer hochgestellten Persönlichkeit: Die Iobakchen drücken die Hoffnung aus, nun zum ersten der Bacchusvereine aufzusteigen (Z. 26f.).

Die Statuten (Z. 32-163) enthalten - jeweils verknüpft mit einem umfangreichen Strafenkatalog - das Aufnahmeverfahren mit einer differenzierten Regelung in bezug auf die Aufnahmegebühr, organisatorische und inhaltliche Anweisungen für die Zusammenkünfte, die Wahl und Aufgaben des Schatzmeisters und eine Regelung für den Fall des Todes eines der Iobakchen.[ 34 ] Unverkennbar dient die Festlegung der Statuten der Vermeidung von Konflikten, heikle Aspekte des Vereinslebens wie die Höhe und regelmäßige Zahlung des Eintritts- und Monatsbeitrags und die Einhaltung der Disziplin nehmen den größten Raum ein.

Bei den Versammlungen kann zwischen einer Geschäftssitzung ( a)gora&), bei der über die Würdigkeit eines Bewerbers um die Mitgliedschaft oder über die Strafe bei Schlägereien unter den Iobakchen abgestimmt wird, und einer Festversammlung differenziert werden. Bei Zusammenkünften aus religiösen und geselligen Motiven legen die Iobakchen besonderen Wert auf die Einbindung aller in das Geschehen, zu den Aufgaben des Priesters gehören neben der Oberaufsicht des vom eu!kosmoj und den i3ppoi ausgeübten Ordnungsdienstes Trankopfer für Dionysos sowie leitourgi/a und qeologi/a. Aber nicht nur der Festkalender des Vereins bedingt kultische Handlungen, positive Ereignisse im Privat- und Berufsleben jedes Mitgliedes sind verpflichtend Anlass zur Stiftung eines Trankopfers für die Gemeinschaft, die Iobakchen teilen auf diese Weise ihr Leben miteinander.

4. Weitere Funde

Die weiteren Funde im Bereich des Dionysion über die Inschrift hinaus wurden 1896 von Hans Schrader publiziert.[ 35 ] Die zu Tage getretenen Altäre und Statuen fügen sich keineswegs nahtlos in das durch die Inschrift entstehende Bild des Vereins der Iobakchen ein, sondern werfen neue, nicht leicht zu lösende Fragen auf. Liegt hierin der Grund für die Missachtung dieser Funde im Rahmen der Erforschung unseres Vereins?

Im Raum neben der Apsis an der Ostseite wurden zwei Artemisstatuen und ein Altar mit der Aufschrift

0Arte/mi-

doj

0Erei/qou

aus der Zeit Hadrians gefunden, die als eindeutige Belege für ein Artemision gelten.[ 36 ] Der Beiname !Ereiqoj ist wohl ein Hinweis auf die Obhut über die Feldarbeit.[ 37 ] Die Vereinsinschrift enthält keinen Hinweis auf einen Kult der Artemis, auch unter den Gottheiten, die im Rahmen der dramatischen Darstellungen von jeweils für diese Aufgabe ausgelosten Vereinsmitglieder verkörpert werden (Z. 121-127), findet sich diese Göttin nicht, dennoch scheint eine Verehrung der Artemis nicht der Ausrichtung des Vereins auf Dionysos als seiner Schutzgottheit zu widersprechen. Im Gegenteil ist bei der Errichtung des Vereinshauses mit baulichem Aufwand in das kultische Vereinsleben eine möglicherweise alte Kulttradition integriert worden, ist doch die Verehrung in einem feuchten Gebiet typisch für Artemis[ 38 ]. Hier liegt die Basis für die überwiegend auf Attika und die Peloponnes beschränkte Verbindung der Artemis mit Dionysos, beide sind ursprünglich Naturgottheiten, deren Verehrung häufig in Sumpfgebieten erfolgt.[ 39 ]

Dass eine Ausweitung des Kultes nicht nur auf Artemis, sondern zumindest zeitweise sogar auf "jeden Gott" möglich gewesen ist, belegt ein kleiner Räucheraltar (35 x 16 x 11 cm), auf dem zwei Pane[ 40 ] abgebildet sind und der die folgende Inschrift aus hadrianischer Zeit trägt:[ 41 ]

Ei0sia/j Diodw&rou

e0k Lamptre/wn

Mhtri/ qew~n

kat' e0pitagh/n. pa/nta

qeo/n semnu&nomen.

Der auf die Weihung an die "Mutter der Götter" folgende Schlusssatz "Wir preisen jeden Gott" beweist, dass der Verein ein weitaus breiteres kultisches Spektrum tolerierte, wenn nicht sogar förderte, als es die uns überlieferte Satzung vermuten lässt. Ein kleiner Räucheraltar mit einer Weihinschrift für Hadrian Olympius, der als swth/r und kti/sthj bezeichnet wird,[ 42 ] zeigt, dass auch der Kaiserkult in dieser Zeit im Verein der Iobakchen seinen Platz hatte.

Wie also muss man sich das kultische Leben der Iobakchen vorstellen? Im Mittelpunkt steht natürlich Dionysos als Schutzgottheit dieses Vereins, aber der archäologische Befund zeigt klar auf, dass parallel dazu zumindest einzelne Vereinsmitglieder auch andere Gottheiten im Vereinshaus verehrten. Ein antiker paganer Mensch konnte also nicht nur gleichzeitig Mitglied in mehreren Vereinen mit verschiedenen Schutzgottheiten sein, sondern auch die alleinige Mitgliedschaft im Dionysos-Verein ist keineswegs gleichbedeutend mit exklusiver Dionysos-Verehrung. Inwieweit diese Verehrung von der Gemeinschaft ausgeübt wurde, ist nicht zu erschließen. Offen muss daher bleiben, ob der Artemis oder sogar dem Kaiser im Rahmen gemeinsamer Zusammenkünfte ein Opfer dargebracht wurde. Die Nichtberücksichtigung dieser Kulte in der Inschrift kann einerseits als Indiz für den jeweils nur individuell praktizierten Kult gewertet werden, der jedoch in dem Haus der Gemeinschaft erfolgte. Der Umstand, dass sowohl der Altar für Artemis als auch die Weihinschrift für den Kaiser aus hadrianischer Zeit stammen, in der Inschrift, die in den 160er Jahren verfasst wurde, aber keine Hinweise auf diese Kulte zu finden sind, könnte aber andererseits auch so interpretiert werden, dass im Laufe des 2. Jahrhunderts eine (erneute?) Zentrierung des Kults auf Dionysos erfolgte. Vielleicht ist auch erst mit der Ernennung des Herodes Atticus zum Priester und der Errichtung der Inschrift eine solche Korrektur der Kultpraxis vorgenommen worden.

Methodische Konsequenzen

Die Untersuchung der Fundumstände der Inschrift der Athener Iobakchen hat gezeigt, dass eine Beschränkung auf den Inschriftentext die Entdeckung interessanter Fragestellungen verhindert und sogar zu Fehleinschätzungen verleiten kann.

Insbesondere die Kultpraxis weist mehr Facetten auf, als die Vereinsinschrift ahnen lässt. Die Funktion der schriftlichen Fixierung einiger Grundregeln des Vereinslebens dient vor allem der Verhinderung von Konflikten. Rechte und Pflichten des einzelnen Vereinsgenossen und der Gemeinschaft werden klar definiert, zu den strittigen Aspekten gehören aber mit größerer Wahrscheinlichkeit eher finanzielle Aspekte und die Wahrung der Disziplin als der Kult. Folglich wird dieser nicht in allen seinen Ausprägungen in den Statuten definiert, umso gründlicher also müssen, soweit vorhanden, archäologische Quellen herangezogen werden.

Aus neutestamentlicher Perspektive resultiert aus diesen Überlegungen die nicht immer leicht zu erfüllende und zu eindeutigen Ergebnissen führende Forderung, dass erst dann, wenn alle verfügbaren archäologischen und epigraphischen Quellen über einen antiken Verein ausgeschöpft worden sind, ein fundierter Vergleich mit den Gemeinschaften der frühen Christen erfolgen kann.


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Anmerkungen
[ 1 ]

Schmeller (1995).

[ 2 ]

Schmeller (1995) 96.

[ 3 ]

Hermansen (1981) 55-89 (mit Grundrissen der gesicherten und vermuteten Vereinshäuser).

[ 4 ]

Bollmann (1998).

[ 5 ]

CIL XIV 2112 = ILS 7212. Ausführlich diskutiert die Inschrift bereits Mommsen (1834). Wichtige textkritische Anmerkungen macht Ausbüttel (1982), 23-29.

[ 6 ]

Umstritten ist, ob sich das collegium in einem öffentlichen oder vereinseigenen Tempel versammelte, vgl. Gordon (1938) 45f. und Bollmann (1998) 354f.

[ 7 ]

Smith (1980).

[ 8 ]

Dörpfeld (1892) und Dörpfeld (1894a).

[ 9 ]

Dörpfeld (1894b) 507 und Dörpfeld (1895) 160-176.

[ 10 ]

Frickenhaus (1911) und als Antwort darauf Dörpfeld (1921). An der von Frickenhaus vorgenommenen Lokalisierung des Demos Melite zweifelt z.B. Wycherley (1959) 67f. Dörpfelds Argumente werden gesammelt und widerlegt von Tagalidou (1993) 23-27.

[ 11 ]

Dörpfeld (1895), 166-168 mit Fig. 4.

[ 12 ]

Frickenhaus (1911) 117-120 (Kritik an Dörpfeld) und 132-134 (Rekonstruktion des Heroon) mit Abb. 1 und 3. Vgl. neben der Kritik bei Dörpfeld (1921) 82f.88-94 auch Walter (1937). Die Debatte über den Viersäulenbau des Herakles fasst Tagalidou (1993) 19-32 zusammen.

[ 13 ]

Frickenhaus (1911) 138. Ausführlich analysiert die Skulptur Watzinger (1904) (mit Abb.).

[ 14 ]

Dörpfeld (1895) 175; Schrader (1896) 265; Frickenhaus (1911) 138.

[ 15 ]

Dörpfeld (1895) 176.

[ 16 ]

Judeich (1971) 291-296 folgt noch Dörpfeld; Travlos (1971) 274 nimmt die Deutung von Frickenhaus auf.

[ 17 ]

Walter (1937) 46f.; vgl. Tagalidou (1993) 30f.

[ 18 ]

Frickenhaus (1911) 143, vgl. 141

[ 19 ]

Tagalidou (1993) 24.

[ 20 ]

Nach Dörpfeld (1895) 163 liegt der alte Bezirk 77,25 m über Meereshöhe, das Bakcheion 79,60 m. Ein Plan des Bezirks mit Höhenangaben und einem Grundriss der Gebäude, farblich abgestuft nach ihrer Entstehungszeit, findet sich auf Tafel IV.

[ 21 ]

Dörpfeld (1895) 178.

[ 22 ]

Dörpfeld (1895) 179.

[ 23 ]

Dörpfeld (1895) 178f.

[ 24 ]

Frickenhaus (1917) 115 erklärte so große rechteckige Basen im Bankettsaal des Asklepeions in Troizen aus dem 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr., wobei er noch davon ausging, dass es sich um ein Banketthaus handelte und nicht um einen Raum innerhalb eines Gebäudekomplexes. Welter (1941) 32 mit Taf. 15c und 19a interpretiert sie als Feuerstellen. Smith (1980) 234 plädiert in Bezug auf Troizen ebenfalls für "a fire pit of cooking", deutet aber die Basen im Vereinshaus der Iobakchen als Altäre (S. 243). Mit Klinghardt (1996) 71 mit Anm. 34 sind Kochstellen sowohl im Asklepeion in Troizen als auch im Athener Bakcheion in Nebenräumen bzw. den Nebengebäuden, die ebenfalls zum Vereinshaus gehören (vgl. Dörpfeld (1895) 180), zu vermuten.

[ 25 ]

Vgl. Bollmann (1997) 50-52.

[ 26 ]

IG II2 1368 = SIG3/4 III 1109. Für die editio princeps zeichnet Wide (1894) verantwortlich.

[ 27 ]

Bollmann (1997) 52 nennt als Kriterien für die Identifizierung eines Vereinshauses - in dieser Reihenfolge - Inschriftenfunde, Mosaiken mit Berufsdarstellungen, Statuenausstattung, Kulteinrichtungen und typologische Ähnlichkeiten zu anderen Vereinshäusern.

[ 28 ]

Photographien der Inschrift bieten Kern (1913) tab. 48; Elter (1916) 88; Graindor (1924) Planche LVII, No 73; Kirchner (1935) Tafel 50, Nr. 137 und 138.

[ 29 ]

Wide (1894) 248; Dörpfeld (1895) 177f.

[ 30 ]

Die Identifizierung des kra/tistoj Kla. 9Hrw&dhj (Z. 9) bzw. kra&tistoj i9ereu/j   (Hrw&dhj (Z. 25) mit Herodes Atticus wurde erstmals vorgenommen und für die Interpretation der Inschrift genutzt von Maass (1895) 32-41. Wide (1894) 267 sprach sich noch für den in CIA III 1169 genannten, aber ansonsten unbekannten Epheben Klaudios Herodes aus. Das Epitheton kra/tistoj kann als Entsprechung zu clarissimus als Titel für eine Persönlichkeit vom Range eines Senators, wie es Herodes Atticus ist, verwendet werden (vgl. Liddell / Scott / Jones (1996) s.v. kra/tistoj 2b, 992.

[ 31 ]

Kapetanopoulos (1984) 19 interpretiert dagegen die 23 Jahre als Summe der vor und nach Herodes Atticus amtierten Jahre.

[ 32 ]

Herodes Atticus stirbt 179, in Kombination mit dem Archon Arrios Epaphrodeitos (Z. 2) bietet sich nach Ameling (1983) das Jahr 163/4 an (II, S. 114f.).

[ 33 ]

Ameling (1983) 137-139. Nur beiläufig erwähnt die Übernahme des Priesteramts Tobin (1997) 35.

[ 34 ]

Die wechselnde Zusammenstellung von i9ereu/j und a)rxi/bakxoj bzw. von i9ereu/j und a)nqiereu/j sowie die Unordnung der inhaltlich zusammengehörigen Abschnitte veranlassen Drerup(1899) zu der Annahme, dass in der Inschrift Bestimmungen aus verschiedenen Phasen vermischt sind; vgl. Smith (1980) 151f.

[ 35 ]

Schrader (1896) 265-286.

[ 36 ]

Dörpfeld (1894a) 147f.; Dörpfeld (1895) 180f.; Schrader (1896) 270-274;Judeich (1931) 292. Eine Photographie des Altars findet sich bei Kern (1913), tab. 49. Datierung nach IG II2 5005.

[ 37 ]

Wernicke (1895) 1343: "den Schnittern hold"; aufgenommen von Schrader (1896) 271.

[ 38 ]

Wernicke (1895) 1339.1343

[ 39 ]

Wernicke (1895) 1364f.

[ 40 ]

Bei den Ausgrabungen wurde neben den Resten von Dionysos- und Artemis-Statuen auch eine Panfigur gefunden (Schrader (1896) 270). Zur Rolle Pans im Dionysos-Mythos vgl. Merkelbach (1988) 32-36.

[ 41 ]

Zeichnung und Maße des Altars und editio princeps der Inschrift bei Schrader (1896) 275. IG II2 4773 gibt die Datierung "aetate Hadriani".

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Schrader (1896) 274f.



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