Biblisches Forum Auszug aus: "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht ..." Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, in: Biblisches Forum 1/99 [http://www.bibfor.de/archiv/99-1.frevel.htm]
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Vier Modelle der Beziehung von Archäologie und Exegese

Das Affirmationsmodell[ 18 ]

Die Archäologie wird lediglich (mehr oder weniger) zur Bestätigung des Bibeltextes und biblischer Forschungsergebnisse herangezogen. Von Seiten der Bibel wird kein Einfluss auf die Forschungsinhalte der Archäologie genommen. Die zur Verfügung stehenden (Ausgrabungs-)ergebnisse werden nur in beschränktem Maße und äußerst selektiv aufgenommen.[ 19 ] Häufig divergieren dabei die beiden Grundkonstanten 'Raum und Zeit' der in Beziehung gesetzten biblischen und archäologischen Sachverhalte. Es wird eine deutliche Abstufung des Wahrheitsgehaltes beider Bereiche postuliert. Es existieren keine methodischen Grundsätze für die Relation; die Einbindung zielt auf eine Historisierung biblischer Informationen. Unter dieses Modell lassen sich die 'Jugendsünden' im Umgang mit der Archäologie und insbesondere fundamentalistische Kreise einordnen.[ 20 ]

Das Ancilla-Modell

Die Archäologie wird als Magd der Bibelwissenschaften verstanden, die für bestimmte Fragen 'antwortendes' Material zu liefern hat. Biblische Archäologie definiert sich ausschließlich von der Bibelwissenschaft her (das Attribut 'Biblisch' wird zum Bestimmenden). Archäologie ist im direktesten Sinn eine Hilfswissenschaft ohne Eigenständigkeit und Eigenwert; ihre Forschungsinhalte und insbesondere ihre räumliche und zeitliche Ausdehnung werden von der Bibel her bestimmt. Das methodische Postulat von vorgängigen, voneinander getrennten, eigenständigen Sachanalysen in beiden Bereichen existiert nicht. Archäologische Ergebnisse werden in den Interpretationsprozess eingeflochten. Dabei liegt der Schwerpunkt deutlich auf Einzelergebnissen, eine Rückbindung an ein archäologisches Gesamtbild (Entwicklungen und Tendenzen) erfolgt nicht. Methodische Überlegungen bleiben meist bei der Mahnung zur Vorsicht stehen.[ 21 ] Zwischen diesem und dem folgenden Modell lässt sich das Gros der Autoren ansiedeln.

Das Kooperationsmodell

Archäologie wird hier als eigenständige Wissenschaft mit eigener Methodologie aufgefasst. Palästinaarchäologie wird als Teilwissenschaft der Archäologie verstanden, die von ihrem Forschungsgegenstand her in einem bestimmten räumlichen und zeitlichen Ausschnitt eine besondere Affinität zur Bibel aufweist. Lediglich dieser Ausschnitt wird bei Wahrung der Methodologie des gesamten Wissenschaftsbereiches als Hilfswissenschaft für die Bibel eingebunden. Ein Anspruch auf Einfluss auf die Forschungsinhalte wird von beiden Seiten nicht erhoben. Es findet ein reger wissenschaftlicher Austausch statt, Forschungsschwerpunkte und Projekte werden abgesprochen und gemeinsam verwirklicht. Die Einbindung archäologischer Forschungsergebnisse erfolgt erst nach Einzelanalysen und Interpretationen auf beiden Seiten; sie versucht immer eine Rückbindung an das Gesamtbild, das die Archäologie nach ihren Maßstäben zur Verfügung stellt, um die Gefahr der Horizontverengung durch Selektion zurückzudrängen. Es werden eigene methodische Grundsätze für die Verhältnisbestimmung von Bibeltext und Archäologie und Kriterien für die Einbindung erarbeitet. Dieses Modell beschreibt den Idealfall einer methodisch abgesicherten fruchtbaren Zusammenarbeit.

Das Distinktionsmodell

Beide Wissenschaftsbereiche sind von ihren Methoden und Inhalten streng getrennt und unabhängig. Kennzeichnend ist, dass auch der zeitliche und räumliche Schnittbereich von Archäologie und Bibel völlig von der Bibel abgekoppelt ist. Sofern keine Sachnotwendigkeit besteht, werden beide nicht In Beziehung gesetzt. Die Bibelwissenschaft ist überwiegend literaturwissenschaftlich orientiert und nur gelegentlich an archäologischer Forschung interessiert. Gesamtkonzepte geschichtlicher Entwicklung seitens der Archäologie werden wahrgenommen, aber als inkompatibel oder irrelevant aus der Beschäftigung mit den Bibeltexten herausgehalten. Auf beiden Seiten werden die je eigenen methodischen Grundsätze für die Einbindung angewandt; methodologische Überlegungen für den Zwischenbereich der Relation von Text und Archäologie fehlen. Auf Seiten der Bibelwissenschaft ist dieses extreme Modell seltener, häufiger allerdings auf archäologischer Seite.

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[ 18 ]
Vor dem Affirmationsmodell könnte man eine weitere Stufe annehmen, in der der Wahrheitsanspruch der Bibel so hoch angesetzt wird, dass beide Bereiche vollständig inkompatibel sind und faktisch kein Verhältnis existiert. Dieses Modell kommt allerdings im wissenschaftlichen oder wissenschaftsnahen Bereich so gut wie nicht mehr vor.

[ 19 ]
Vgl. z.B. Eybers (1981) 3-91, der eine wahre Einschränkungslitanei bietet, um jederzeit gebotene archäologische Ergebnisse ausfiltern zu können.

[ 20 ]
Zu Fundamentalismus und Bibelarchäologie vgl. ausführlich Oesch (1988) und Oesch (1988a).

[ 21 ]
Deutlich wird dieses Modell z.B. bei Millard (1980), der als Zielbestimmung das Bereitstellen der "Kulisse und (der) Bühneneinrichtung für das 'Drehbuch' Bibel" (7) angibt. Seine extreme Nähe zum Affirmationsmodell verdeutlicht Oesch (1988) 119f; vgl. zur Klassifizierung auch Sauer (1982).


Diese Seite wurde erstellt von Jesaja Michael Wiegard.
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