Biblisches Forum 1/99
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Moorey, Peter R. S. [Hrsg.] / Kenyon, Kathleen M. (1987):
The bible and recent archaeology



British Museum Publications: London 1987
ISBN 0-7141-1681-5

Rezension von Christian Frevel [Wiederabdruck einer Erstveröffentlichung im Rahmen des Artikels "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht...". Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, BN 47 (1989) 35-89]

Bereits in der Einleitung schickt er als Leitthese für seine Aufgabe voraus: "Die Sozialgeschichte Israels lässt sich weitgehend als den spannungsreichen Prozeß eines Mit-, In- und Gegeneinander der nomadischen Traditionen Israels und der Zustände des Kulturlandes mit seiner agrarischen Lebensweise und seiner spezifischen gesellschaftlichen Struktur beschreiben" (9). Diese beiden Pole der 'Vorgeschichte' Israels stellt T. entsprechend in den ersten Hauptabschnitten zu den nomadischen Gemeinschaftsformen (10-51) und zur spätbronzezeitlichen Klassengesellschaft (52-87) gegenüber. Sie führen zur eigentlichen Darstellung des sesshaften Israel in vorstaatlicher Zeit (88-164). Da die (halb-)nomadische Vergangenheit in den altorientalischen Quellen nur 'spärlich dokumentiert' sei (vgl. 9) bzw. in biblischem Kontext "nicht selten unter der Reflexion späterer Entwicklungsstadien verborgen" (31) liege, aber "das Leben in der Wüste analoge oder doch vergleichbare Erscheinungen" (10) hervorbringe, zieht T. zunächst Daten der vorislamischen und neuzeitlichen arabischen Beduinen wie der Halbnomaden von Mari zum Vergleich heran. Er beschreibt Stammes- und Sozialorganisation, wirtschaftliche Grundlagen wie Lebensweise der Beduinen und Nomaden von Mari. Vergleichsmöglichkeiten zu den Organisationsformen der Frühisraeliten bieten sich für T. nicht bei den Vollbeduinen (Kamelzucht i.d. Wüste), sondern bei den Halbbeduinen, die als Ackerbau treibende Halbfellachen zur Sesshaftigkeit tendieren (vgl. 17-19) und den Mari-Halbnomaden, deren Lebensweise von jahreszeitlichem Ackerbau und Transhumanz geprägt ist. Seine Rekonstruktion der Lebensverhältnisse der 'Patriarchen' basiert auf Analogieschlüssen und der literarkritischen Analyse der relevanten Texte in Gen 12-50, die meist mit Verweisen auf die Klassiker der Patriarchenexegese arbeitet und nachvollziehbare Argumentationsgänge wie die Auseinandersetzung mit der neueren Literatur missen lässt. Als Ergebnis lässt sich festhalten: "Die Vätergruppen ...waren Kleinviehzüchter ...(Schafnomadismus)" (34) in den Steppen- und Bergzonen Mittel- und Südpalästinas wie im Ostjordanland (vgl. 35). Ihre soziale Basis war die blutsverwandtschaftliche Sippe/Großfamilie, die unter der Leitung des pater familias eine "Wirtschafts-, Rechts und Kultgemeinschaft"(41) bildete. Den Kontrastpol zur idealtypisch gezeichneten (Halb-)Nomadengesellschaft bildet die spätbronzezeitliche Klassengesellschaft Ugarits, Alalachs und Palästinas (anhand der Korrespondenz von Amarna). Das dieser monarchisch bzw. oligarchisch strukturierten Gesellschaftsform inhärierende Konfliktpotenzial wird anhand der Schuldsklaverei, der Outlaw-Gruppe der H_apiru wie auch der archäologischen Evidenz der Stadtarchitektur ausführlich verdeutlicht (vgl. 69. 75-77.79). Auf den S. 88-92 vertritt Thiel ein modifiziertes Infiltrationsmodell für den Vorgang der Landnahme als Voraussetzung für die soziale Weiterentwicklung 'Israels'. Das Mendenhallsche 'revolutionäre Modell' sei "als phantastisch zu beurteilen" (90), da es die halbnomadische Herkunft Israels zu wenig einbeziehe. Hier wird ein bedeutender Mangel der Arbeit deutlich. Die neuere Diskussion um die vielfältigen Phänomene des Halbnomadentums (als Voraussetzung für T.s Ansatz einer Sozialgeschichte s.o.) und dessen Kontakte zum Kulturland und damit um die Tragfähigkeit der z.Zt. plausibelsten Landnahmemodelle bleibt vor der Tür. Sie wird nur im Literaturanhang S. 169 angedeutet. T. hat es versäumt, in der Neuauflage auf die Kritik der Vertreter des 'soziologischen Modells' (zumindest im Anhang) argumentativ einzugehen und so die Grundlagen seiner Hypothesen zu festigen . Im Folgenden beschreibt Verf. die Weiterentwicklung nach der Landnahme: Ausbildung des Bodenrechts als "gemeinsamen Bodenbesitz" (94) mit Privateigentum von Wein- und Obstgärten und nah_ala=h-Ordnung (vgl. 95-97). Die soziale Basis war wie bei den 'Vätern' die Sippe; über die bereits bestehenden hinaus bildeten sich neue Stämme (vgl. 101. 105ff). Die Familienstruktur unter Führung des "'monarchischen Patriarchat(s)'" (112) blieb weitestgehend gleich (unter Wegfall der kultischen Funktion des Familienoberhauptes). Der wichtige Übergang von der "Blutsgemeinschaft zur Ortsgemeinschaft" (102) vollzog sich jetzt. Auf den S. 126-137 vertritt T. eine modifizierte Amphiktyoniehypothese eines vorstaatlichen sakralen (durch den JHWH-Glauben geeinten) Stämmeverbundes. Jedoch ein "politisch gemeinsam handelndes Israel existierte in der vorstaatlichen Periode nicht" (136). Mit der Darstellung der Herausbildung einer sozial differenzierten Struktur vom Vollbürger bis zu Sklaven und Leviten schließt die Darstellung T.s zur sozialen Entwicklung . T. legt damit einen Versuch zur frühesten Sozialgeschichte vor, der konsequent das Grunddatum der in vielen Fällen dunklen halbnomadischen Vergangenheit Israels zur Grundlage macht. Die Übertragbarkeit der halbnomadischen Verhältnisse des altorientalischen Raumes auf die "Patriarchen" müsste jedoch ebenso exakter geklärt werden, wie die Bevölkerungsentwicklung und ländliche Kultur der SB-Zeit. Hier bleibt T.s Analyse der Texte, wie auch der extrabiblischen Evidenz zu schmal. Die Bedeutung archäologischer Forschung auch im Bereich der Sozialgeschichte Israels, sollte nicht unterschätzt werden . Gerade weil eine Sozialgeschichte des frühen Israel ein Entstehungsmodell als Voraussetzung braucht, sollte hier möglichst zweigleisig aus archäologischer und literarischer Sicht argumentiert werden. Zwar enthält T.s Arbeit keine methodischen Überlegungen zu dem Grundproblem des Verhältnisses archäologischer und literarischer Aussagen, jedoch formuliert er in diesbezüglichen Argumentationen bewusst offen und vorsichtig. Es bleibt die Forderung, die aufgestellten Thesen argumentativ in Auseinandersetzung mit neueren Arbeiten, wie auch unter breiterer Berücksichtigung archäologischer Forschung zu unterlegen. Das diffizile Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität zwischen spätbronzezeitlicher und eisenzeitlicher Kultur in Archäologie und Überlieferung muss Ausgangspunkt einer Lösung für die Probleme der halbnomadischen Vergangenheit des vorstaatlichen Israel und damit der Prämissen für eine Sozialgeschichte bleiben.


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