Biblisches Forum 1/99
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Miller, P.D. / Hanson, P.D. / McBride, S.D. [Hrsg.] (1987):
Ancient Israelite Religion

(FS F.M. Cross)
Philadelphia 1987
[ISBN 0-8006-0831-3]

Rezension von Christian Frevel [Wiederabdruck einer Erstveröffentlichung im Rahmen des Artikels "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht...". Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, BN 47 (1989) 35-89]

Das Hauptinteresse biblischer Forschung gilt begreiflicher Weise dem Glauben und damit der Religion Israels. Beide drücken sich im Kult aus, der sich nicht nur in Texten spiegelt, sondern weit mehr eine wesentlich anders geartete, nämlich materielle Komponente hat. Dieser Komplex erscheint damit als problematischer und enorm wichtiger Schnittbereich von Bibelwissenschaft und Archäologie, da sich materielle Komponente und literarischer Niederschlag häufig nicht decken. Die Sakralarchitektur, die Vielfalt kultisch verwandter Gegenstände oder die Götterikonographie, die Weippert als Konstante ihrer archäol. Darstellung hervorhob, fordern Rückfragen nach Ausprägung und Entwicklung israelitischer Religion heraus. Diese rücken umso mehr in das Zentrum atl. Wissenschaft, als das lineare und einphasige Bild eines monotheistischen Jahwismus der 'Moseschar' dem entwicklungsbetonten Modell vom Polytheismus über die Monolatrie zu einem facettenreichen Jahwismus weicht. Waren die 'religionsgeschichtliche Schule' und ihre Erben noch auf "die unverwechselbare Einzigkeit Israels innerhalb der Religionen" fixiert, avanciert derweil die Kontinuität israelitischer Religion aus altorientalischer Situiertheit zu einem Brennpunkt gerade der amerikanischen, u.a. durch F.M. Cross vorangetriebenen Forschung .

Inschriftenzeugnisse und Kleinfunde haben das einfache Muster 'einheitlicher offizieller Jahwismus und vielgestaltige Privatfrömmigkeit' ins Wanken gebracht: "Thus it remains the case that the Bible is a direct source for only a part of the religion of the earlier period with which it is concerned" . Die extrabiblische Evidenz außerhalb des altorientalischen Textmaterials gewinnt zunehmend an Bedeutung für die Religionsgeschichtsschreibung und trotzdem "there is a tendency among biblical scholars, perhaps growing, to ignore most categories of data that modern archaeology produces" .

Gerade diesen Problemen widmet sich insbesondere der erste Teil ("Sources and Contexts") des Sammelbandes, der als Festgabe für F.M. Cross in insgesamt 33 Aufsätzen eine schwerpunktorientierte Bestandsaufnahme der "Ancient Israelite Religion" versucht. Vorangestellt sind Aufsätze, die sich mit den extrabiblischen Grundlagen auseinander setzen, so z.B. der Integration religiöser Traditionen der Nachbarvölker und der Bedeutung der Epigraphie für das Verständnis der Erscheinungsformen israelitischer Religion . Weiterhin finden sich hier Beiträge, die sich methodischen Fragen zur Einbindung archäologischen Quellenmaterials widmen und die entsprechend hier besonders hervorgehoben werden sollen.

Bereits in dem kurzen Zitat (s.o.) wurde deutlich, dass P.K. McCarter Jr. lediglich eine dominante religiöse Ausschnittwirklichkeit des Jahwismus der Königszeit in der Bibel dokumentiert sieht. Er nimmt die Inschriften von Kuntillet Arud zum Ausgangspunkt und misst ihnen enorme Bedeutung zu: "...the inscriptions from Kuntillet Arud provide a window on some forgotten aspects of the religion of the monarchy" (139). Auf Grund der Bezeugungen des 'JHWH von Teman und Samaria' (und 2 Sam 15,7) will er einen Polyjahwismus im 8.Jh. annehmen, der erst unter Joschija (wofür er Dtn 6,4 als Polemik gegen Lokaljahwismen anführt) wieder verschwindet . "At the time of the Israelite monarchy, therefore, the various local manifestations of Yahwe were often quite distinct in the manner of their conceptualization and worship" (141). Sicher richtig ist, dass die Inschriften aus Kuntillet Arud JHWH mit Lokaltermini verbinden, doch erscheint fraglich, ob daraufhin zusammen mit einer sehr schmalen biblischen Evidenz, auf "semi-independent" (142) Lokalformen des Jahwismus der frühen Königszeit geschlossen werden darf. Dass die Bibel 'nur' eine Ausschnittswirklichkeit widerspiegelt, ist ebenfalls kaum falsch, fraglich bleibt allerdings, ob nicht Kuntillet Arud lediglich Lokalphänomen ist, das ebenso wenig verallgemeinerbar ist wie die Kolonie in Elephantine. Gerade in Problemen, die Grunddaten der Religionsform Israels betreffen, bedarf es einer breiteren epigraphischen und/oder biblischen Evidenz . Gerade bei der Einbeziehung von Einzelfunden ist zunächst eine Einbindung in das 'archäologische Gesamtbild' und exakte Bestandsaufnahme des innerbiblischen Textmaterials zu fordern, um - ungeachtet der großen Bedeutung und des Erkenntniszuwachses durch einzelne Funde (wie z.B. Kuntillet Arud) - Lokalphänomene nicht zu überschätzen.

Ein anderes, in letzter Zeit erneut virulent gewordenes Problem, ist die Verwendung von theophoren Personennamen (PN) in religionsgeschichtlichen Argumentationen. J.H. Tigay und N. Avigad, folgern beide - auf Grund unterschiedlichen Ausgangsmaterials - aus der überwiegenden Mehrheit JHWH-haltiger Personennamen in vorexilischer Zeit (Inschriften, Siegel und biblische Namen) die monolatrische Verehrung JHWHs . Beide Autoren setzen diese Evidenz gegen das biblische (dtr) Bild der polytheistischen 'Überfremdung' Israels in der Königszeit: "The worship of foreign gods, of which the Israelite people were so often accused by the prophets, was apparently not so deeply rooted and widespread as to affect their personal names" (Avigad 196f). Auf Grund der dtr Königsbeurteilungen will Tigay das Phänomen polytheistischer Verehrung auf die politische Oberschicht abdrängen, denn: "if we had only the inscriptional evidences, I doubt that we would ever imagine that there existed a significant amount of polytheistic worship in Israel during the period in question" (Tigay 178). Hier stellt sich die Gretchenfrage: Namengebung als 'modisches Bewusstsein' oder 'unbewusste Mode'. Spiegeln Onomastika tatsächlich das Religionsgefüge einer Region oder sind derart weit reichende Schlüsse methodisch unzulässig? Das Sachlage ist deutlich und erfordert Erklärungen, jedoch lässt sie sich kaum methodisch durch den Rückschluss auf eine dominante Monolatrie plausibel machen. Tigay weist zumindest den richtigen Weg, den Erklärungsdruck dieses Phänomens zu lindern: Vergleichsmaterialien heranzuziehen, die Frage nach schichtenspezifischer Namengebung und Tradierung zu stellen und, m.E. mit größerem Gewicht, wie bei jeder argumentativen Kombination archäologischer Daten mit dem Text, die exakte Analyse einzufordern.

W.G. Dever beschäftigt sich in der Festschrift Cross mit dem Ertrag archäologischer Ergebnisse im Rahmen der Religionsgeschichte. Ausführlich überblickt er die Forschungsgeschichte und resümiert vorab, "that most previous studies of the archaeological and historical background of early Israelite religion (...) appear to have suffered from two fundamental methodological deficiencies" (290) u.z. 1. radikale Trennung beider Aussageweisen unter weit gehender Missachtung der Archäologie und 2. das Unvergleichlichkeitspostulat israelitischer Religion. Albrights visionäre archäologische Revolution "failed to materialize" (217) zumindest bezüglich der Kultgeschichte. Als Gründe nennt Dever u.a. die Theologisierung der Religion; unzugängliche und einseitig auf politische Geschichte ausgerichtete Daten und Zurückhaltung gegenüber der autonomen 'Syro-Palestinian-Archaeology' (nach deren Ablösung von der Bibel und Hinwendung zu anderen Kultur- und Naturwissenschaften). "What we are calling for is more, not less, dialogue with biblical scholars" (219). Die gestellte Aufgabe sei zweifach: "to reconstruct ancient Israelite religion on the basis of its extant remains: belief through texts, cult through material culture" (220) Auch wenn diese Arbeitsteilung nach Dever auf Grund der Interrelation zwischen Kult und Glaube nicht zu extrem sein darf, scheint mir bereits der Ansatz der Trennung fraglich . Dever fordert gegenseitige Korrektur und Ergänzung beider Kategorien, damit "meaningful facts" (222) zur Verfügung stehen. Dieser Forderung, wie auch der nach verstärktem Dialog muss man sich (nicht zuletzt auf Grund der Anwendungsbeispiele Devers ) anschließen.

Der zweite Teil der Festschrift, "History and Character", versammelt biblisch orientierte Aufsätze zu zentralen und peripheren Einzelthemen der Religionsgeschichte Israels . Hier wird neben den Schwerpunkten derzeitiger Diskussion deutlich, welche Vielfalt an komplexen, innerbiblischen Fragen und Problemen es zu berücksichtigen gälte, wollte man eine Gesamtschau israelitischer Religion durch die Jahrhunderte versuchen.

Der Sammelband für F.M. Cross ist eine gelungene Zusammenstellung zur momentan diskutierten Religionsgeschichte. Er besticht durch seine thematische Orientierung und die Breite der verschiedenen Probleme. Im ersten Teil zeigten sich insbesondere für unseren Schwerpunkt Ansatzpunkte für eine methodische Diskussion (Dever, Holladay, Tigay, Avigad). Gerade für die Erforschung der Religionsgeschichte erscheint eine erneute Diskussion um den Wert archäologischer Ergebnisse innerhalb biblischer Forschung entscheidend, um den neueren Anfragen an die Religionsgeschichtsschreibung (s.o.) gerecht zu werden.



Diese Seite wurde erstellt von Jesaja Michael Wiegard.
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