Biblisches Forum 1/99
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Weippert, Helga (1988):
Palästina in vorhellenistischer Zeit

(Handbuch der Archäologie Vorderasien 2/1),
Beck: München 1988
[ISBN 3-406-32198-4]

Rezension von Christian Frevel, Bonn
[Redaktionell bearbeiteter Wiederabdruck [ohne die Anmerkungen des Originals] einer Erstveröffentlichung im Rahmen des Artikels "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht...". Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, BN 47 (1989) 35-89]

In einer fast 800-seitigen Darstellung "Palästina in vorhellenistischer Zeit", einem Teilband des groß angelegten Handbuchs der Archäologie, schafft Helga Weippert diesem Mangel nun Abhilfe. Über eine zeitliche Erstreckung von fast 700.000 Jahren, nämlich vom Paläolithikum bis zum Sieg Alexanders d. Gr. bei Issos (333 v. Chr.), stellt W. die materielle Hinterlassenschaft des West- und Ostjordanlandes in chronologischer Abfolge der vier großen Kulturperioden (Stein-, Bronze-, Eisen- und babylonisch-persische Zeit) zusammen.

Deutlich wird dabei einerseits, dass die Archäologie Palästinas nicht auf die biblische und unmittelbar vorbiblische Zeitspanne begrenzt sein kann und sein darf, andererseits zeichnet sich in der Darstellung eine deutliche Abstufung ab. Der Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung der eisenzeitlichen Kultur, die auch im Umfang die Bronzezeiten deutlich übersteigt. Die Behandlung der Steinzeit(en) ist durchgängig in Petit-Druck gehalten; die im Verhältnis zur Zeitspanne spärlichen Daten rechtfertigen dies und unterstreichen die Schwerpunktsetzung. Dennoch werden hier wesentliche Grunddaten der Kulturentwicklung Palästinas greifbar, deren Kenntnis für alle mit der Geschichte des Landes Beschäftigten von Interesse ist, so z.B. der Übergang zur ersten Sesshaftigkeit im Mesolithikum und in dessen Folge die Herausbildung der Vorratshaltung, die Domestikation von Tieren oder im Neolithikum die Ausbildung des Handwerks und die Entwicklung der Keramik oder schließlich früheste religiöse Bildsymbolik im Chalkolithikum.

Ab dieser letztgenannten Kulturperiode folgt W. in ihrer Darstellung einem durchdachten Gliederungsmuster: Zu Beginn jeder Epoche werden ausführliche Literaturhinweise (Manuskriptabschluss 1986) gegeben (so z.B. zur Eisen IIC-Zeit über 350 Einzeltitel!) und der historische wie chronologische Rahmen (Einordnung in politische Geschichte, zeitliche Begrenzungen, Charakteristika) vorgestellt. Die Darstellung im Einzelnen enthält jeweils folgende Konstanten: Schriftzeugnisse und Inschriftenfunde; Städtische Architektur mit den Elementen Wohnhäuser, Paläste, Toranlagen, Befestigungsmauern, Wasserversorgung, Vorratshaltung; Dorfkultur; Sakralarchitektur und Kult mit Erwägungen zu Tempelbauten, offenen Heiligtümern, Götterikonographie und Kultgegenständen; Bestattungspraxis; dann jeweils Hinweisen zu Landwirtschaft; Handel und Handwerk, neben allgemeinen Angaben gegliedert nach handwerklichen Erzeugnissen (Keramik, Metall, Glas- und Fayence, Elfenbein und Holz, Plastiken, Siegel) und abschließenden Erwägungen zum Ende einer Periode und dem Übergang in die nächste.

Diese Gliederung stellt ein Gerüst dar, das geschichtliche Kontinuität und Diskontinuität durch Querverweise immer wieder verdeutlicht und keinesfalls sklavisch eingehalten wird. So findet sich im Rahmen der Darstellung der nicht-urbanen Zwischenzeit ein 'zusätzlicher' Abschnitt über deren Verhältnis zur Frühbronzezeit. Der Abschnitt über die Götterdarstellungen in der Spätbronzezeit fällt z.B. sehr breit aus; er enthält grundsätzliche Erwägungen zur Götterikonographie und zur Identifikation/Klassifikation der Götterdarstellungen. Oder: in der Eisen I-Zeit findet sich ein längerer Abschnitt über die Philisterproblematik und die ägyptische Vorherrschaft in Palästina. Kurz: Wichtige Einzelprobleme finden auch in dem Gliederungsgerüst entsprechende Behandlung.

Interessant ist überdies die Aufgliederung der Eisen II-Zeit: "Da das auf die Zeit um 850 v. Chr. festgesetzte Ende der Eisen IIB-Zeit an den meisten ausgegrabenen Orten nicht mit einer Zerstörung verbunden war, ist die Zahl der geborgenen handwerklichen Produkte bescheiden" (517). Als Konsequenz daraus beschränkt sich W. für die Eisen IIB-Zeit auf die Architekturreste. Die übrigen Daten sind in Analogie der Darstellung der Eisen IIA- und C-Zeit zu entnehmen, oder dort in Einzelfällen aufgeführt. So klärt sich bei kontinuierlichem Lesen die anachronistische Einordnung von Grabinschriften (nicht vor dem 8. Jh. v. Chr.) unter die Eisen IIA-Zeit (ca. 1000-900 v. Chr.) (vgl 489f) leider erst durch die o.g. Sätze im nächsten Kapitel. Explizite Angaben zu Kultbauten und -bräuchen fehlen für die Eisen IIB-Zeit, obwohl hier gerade die Frage bewegt, ob der Wechsel der politischen Verhältnisse (Reichsteilung) sich auch in diesem Bereich niedergeschlagen hat. In der Darstellung der Eisen IIC-Zeit finden sich lediglich Kontinuitätshinweise: "Die archäologisch seit der Eisen IIA-Zeit zu beobachtende Unvereinbarkeit zwischen Städten und Tempelbauten (...) hielt demnach bis zum Ende der Eisenzeit an" (623) oder "Die Hauskulte setzten sich während der Eisen IIC-Zeit fort" (628). So ist der Abschnitt über die Eisen IIB-Zeit (sicherlich nicht unbegründet) das einzige der durchgängig reichlich mit Zeichnungen illustrierten Kapitel, das nicht kontextlos zu lesen ist. Alle übrigen Abschnitte lassen sich mühelos einzeln lesen, sind sehr gut verständlich und didaktisch für ein Handbuch vorbildlich.

Eine weitere Besonderheit stellt die Behandlung Jerusalems dar: In den Abschnitten der voreisenzeitlichen Perioden taucht die in anderen archäologischen Überblicken dominante Stadt nur sporadisch auf. Sie wird mit guter Begründung erst in einem Exkurs der Eisen IIA-Zeit abgehandelt, denn: "Obwohl Jerusalem seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts immer wieder das Ziel von Ausgrabungsexpeditionen war, ist seine Stadtgeschichte archäologisch dennoch nur lückenhaft dokumentiert. ... Diese Situation zwingt dazu, die Baugeschichte Jerusalems zu einem großen Teil anhand der Textüberlieferungen zu rekonstruieren" (450). Eine solche Erkenntnisweise ist in der Einleitung des Werkes allerdings zu Recht von den Methoden der Archäologie abgegrenzt worden.

Die methodische Konsequenz, literarische Quellen und den Bezug auf diese auf ein Minimum zu begrenzen, zeigt sich nicht nur in der ausgegrenzten Vorstellung Jerusalems im Exkurs, sondern im gesamten Werk. Vorbildlich bleiben Diskussionen um Textüberlieferungen (z.B. bezüglich der Landnahme) vor der Tür; Anspielungen auf Erzählungen werden großteils vermieden. In dem einleitenden Kapitel, das neben einer geologisch-geographischen Landeskunde, einem sehr anschaulichen Abschnitt über die Zeitdimension der Archäologie und einem archäologischen Geschichtsüberblick, der sich als kleine Methodenlehre liest, auch Angaben zur Deutung archäologischer Funde enthält, finden sich klare Aussagen zum Verhältnis von Text und Archäologie. Die interpretierende Deutung des Geschichtsablaufes läuft immer wieder Gefahr, "die materielle Hinterlassenschaft und die literarische Überlieferung zu rasch zu einer Synthese zusammenzufügen. Nur zu leicht lassen sich vermeintliche Sachverhalte der einen Quelle mit Einzelbefunden der anderen kombinieren oder Lücken der einen Quelle mit Informationen aus der anderen schließen" (63) .

Eigenständigkeiten der Methoden und deren differenzierte Anwendung vor einer Kombination, wie größtmögliche Beachtung einer Kongruenz der Kategorien Raum und Zeit sind W.s methodische Folgerungen. Dies gilt nicht nur für die Bibel als literarische Quelle, sondern auch für inschriftliche Zeugnisse, die oft als 'objektive' Geschichtsquelle in Interpretationsprozesse einbezogen werden. Z. B.: "Berücksichtigen muss man freilich, dass die altorientalische Gattung des Kriegsberichts oft stereotyp formuliert, propagandistische oder ätiologische Ziele verfolgt, aber wohl in den seltensten Fällen eine neutrale Berichterstattung auch nur intendiert" (67). W. hält an diesen methodischen Postulaten durch die Gesamtdarstellung hindurch fest und schafft damit einen Grundstock an interpretierten archäologischen Daten, der für die Bibelwissenschaft als Ausgangsmaterial von großem Nutzen ist.

Das Werk wird abgeschlossen durch einen Anhang zu den dhy-Münzen von Leo Mildenberg und ein ausführliches Ortsregister. Hier wäre eine weitere Erschließung durch Sach- und Personenregister sehr wünschenswert gewesen, um W.s Handbuch noch besser auch als Nachschlagewerk nutzen zu können. W.s insgesamt exzellente Darstellung wird als Handbuch, Nachschlagewerk und Lesebuch der Archäologie Palästinas in Zukunft mit Sicherheit häufige Verwendung finden, jedoch leider wegen des hohen Preises nur wenige Schreibtische schmücken. Man kann nur wünschen, dass bald eine Studienausgabe dieses hervorragenden Werkes nachgereicht wird.



Diese Seite wurde erstellt von Jesaja Michael Wiegard.
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