Biblisches Forum 1/99
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Urs Winter (1987):
Frau und Göttin

Exegetische und ikonographische Studien zum weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (OBO 53)

Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen 21987
[ISBN 3-525-53673-9]

Rezension von Christian Frevel [Wiederabdruck einer Erstveröffentlichung im Rahmen des Artikels "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht...". Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, BN 47 (1989) 35-89]

In seinem voluminösen "Survey" (vgl. 90) zum "weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt" (Untertitel) - inzwischen in der 2. Auflage vorliegend - versucht Urs Winter diesen Interpretationszugang für ein Spezialproblem fruchtbar zu machen. Er möchte über das 'Image' der altorientalischen Göttin, das er anhand der Bildkunst aufzeigen will (89), die religiösen Bedürfnisstrukturen der Frau in Israel und den Grad ihrer Befriedigung in der JHWH-Religion eruieren (70f). Durch die Fixierung auf geschlechtsspezifische religiöse Bedürfnisse (fragwürdig reduziert im Wesentlichen auf spiritualisierte Derivate aus den Bereichen Empfängnis, Schwangerschaft und Mutterschaft) und das Erfüllungspostulat auf seiten der Göttin , stellt W. seine Untersuchung unter stark schematisierende Vorzeichen . In seinem ersten Kapitel (3-92) arbeitet W. die Problemstellung von 'Frau und Göttin' anhand der sozialen und kultischen Stellung der Frau in Israel heraus. Im Überblick behandelt er einige Themen der Forschungsgeschichte wie theophore Frauennamen, die Namengebung, kulturelle Position oder Stellung der Frauen in Gesetzestexten u.a.m. und stellt zurecht die Zuversicht einiger Alttestamentler bezüglich der Kongruenz von 'weiblicher' Religiosität und kultischer Wirklichkeit in Frage. Der Mangel an religiösen Identifikationsmöglichkeiten für Frauen leitet W.s Rückfrage nach der Göttin und deren "motiv- oder typengeschichtliche Bedeutung für die Frau" (86). Der ikonographische 'Survey' umfasst die Kapitel 2 "Die 'nackte' Göttin" (95-200) und 3 "Frau und Göttin" (203-477). In erschöpfender Weise behandelt W. hier Darstellungen oder besser ikonographische Konstellationen der Göttin/ ihrer VerehrerInnen in Terrakotta, Glyptik und auf anderen Bildträgern überwiegend des 2. Jt. v. Chr. Der erste Teil behandelt die nackten Frauendarstellungen, deren häufiges Vorkommen bis in die Eisenzeit ('pillar-figurines') so auffallend ist, dass keine Religionsgeschichte mehr an ihnen vorbeisieht. W. klassifiziert die Figürchen in 8 Gruppen und verfolgt die Darstellungsmuster bis in die Glyptik hinein. Er versteht sie als Kultstatuetten ("'household icons'" 131) mit verschiedener Funktion im Rahmen der Privatfrömmigkeit. Eine soziale Ausdifferenzierung sei nicht möglich; ihre Verwendung war nicht den Frauen vorbehalten. Auf Grund der Glyptik interpretiert er den Typ der 'nackten Frau' als Darstellung einer Göttin, deren Ursprung in Syrien liegt. Diese Göttin nimmt keine gehobene Stellung im Pantheon ein und ist nicht identifizierbar mit einer der bekannten Göttinnen; vielmehr verkörpert sie mehrere Aspekte (Fruchtbarkeit, Fürbitterin, Mittlerin, Beschützerin und einen stark erotischen Aspekt). "Das differenzierte Bild der 'nackten Göttin' spiegelt eine gehobene religiöse Grundbefindlichkeit der Frau" (198). Im zweiten Kapitel versucht W. dann, nachdem er den kriegerischen und den schutzgebenden Aspekt der Göttin ikonographisch vorgestellt hat, die verschiedenen Aspekte der 'syrischen Göttin', die im Gesamtkomplex der 'Heiligen Hochzeit' 'zyklusartig' Grunderfahrungen von altorientalischen Frauen widerspiegeln (215.253) in den verschiedenen ikonographischen Motivkonstellationen weiter zu verfolgen. Durch seine "künstlich-kumulative(n)" (253) Zusammenstellung gelingt es W. die Vorstellung von 'heiliger Hochzeit' zu entmythologisieren und als einen thematisch vielschichtigen Komplex sakralisierter Sexualität zu verdeutlichen, der letztlich auch mit Schwangerschaft und Geburt zusammenzusehen ist. Die lebensspendende Kraftfülle der Göttin wird anhand von Baumgöttinnendarstellungen ebenso plastisch verdeutlicht wie der thronende Charakter der 'fernen Göttin' als Himmelskönigin. Auch in diesem Kapitel zeigt W. deutlich, dass die Aspekte nicht mit je einer der bekannten Göttinnengestalten schlüssig zu verbinden sind, jedoch Differenzierungen im Pantheon mit bestimmten Aspekten durchaus zusammenhängen. Nicht alle kriegerischen Darstellungen verkörpern Anat, ebenso wenig sind alle Göttinnen mit Zweig Ascherabilder! Die beiden ikonographischen Kapitel sind trotz der Schematisierung oder gerade deswegen ein Glanzstück, da sie einen materialreichen Überblick über die vielschichtigen Konstellationen bildlicher Darstellungen weiblicher Göttlichkeit anbieten und neben vielen Bezugspunkten zur mythologischen Literatur auch den Bereich der Religiosität zumindest des 2. Jt. in Einzelaspekten erleuchten. Das vierte Kapitel wagt schließlich den Sprung in biblische Zeit und Umstände. W. will hier Integration und Elimination 'der Göttin' in alttestamentlicher Zeit untersuchen. Nach der Diskussion der einschlägigen Thesen (Inschriftenfunde Kuntillet dAg=ruGd, H_irbet el-KoGm, Elephantine-Papyri; weibliche Eigenschaften JHWHs; Frau Weisheit) stuft W. die integrierten Aspekte der Göttin als gering ein. "Jahwe hat wahrscheinlich nie eine gleichwertige Partnerin neben sich geduldet" (669) . Auf Grund der partnerlosen Nachbargottheiten (Milkom, Kemosch) hält W. analog ein Desintersse bezüglich einer Partnerin bei JHWH für möglich . "Man kann weiter vermuten, dass sich dieses Desinteresse auch auf eine mögliche weibliche Konkurrenz von Seiten der kanaanäischen Religion erstreckt hat" (540). Diese These verfolgt er jedoch nicht weiter, sondern versucht die Dämonisierung der Göttin und ihrer VerehrerInnen (besonders über das Element des Fremden: Isebel; Ninive, Moab, 'fremde Frau') und die zentrale Elimination der sexuell-erotischen Sphäre (die er ja für das 2. Jt. ikonographisch verfolgt hat) aus dem Gottesbild aufzuzeigen. Die Schlussabschnitte versuchen "Die Wiederkehr der verdrängten Göttin" (630-655) in Methaphern und überhöhten Frauengestalten zu finden und letztlich die zur 'heiligen Hochzeit' diametrale "desakralisierte Erotik des Hohenliedes" (656-667) als Folge des gesamten Eliminations- und auch Transzendierungsprozesses zu deuten. Gerade das letzte Kapitel lässt die Arbeit als zu breit angelegt erscheinen . Dem mutigen und anerkennenswerten Versuch einer atl. Zusammenschau zur Synthese mit Kap. 1 und bes. 2-3 ermangelt es an eingehender Textanalyse und Argumentation, die die vielfältigen Hypothesen hätten durchsichtig machen können. Problematisch ist der zeitliche Sprung von der Bronzezeit mit völlig anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen unter der Annahme der weit gehenden Kontinuität der Konstellationen bis in die Eisenzeit. Es bleibt fraglich, ob die 'Allgemeinheit' und 'Zeitlosigkeit' von Bildern bzw. Motiven (vgl. 682f) in ihrer Beziehung zum Text die zeitliche und teils auch massiv örtliche Lücke so deutlich schließt, wie W. annehmen will. Das gilt insbesondere bei einem ikonographischen Survey, der (abgesehen von dem großen Nutzen der Zusammenstellung) stark systematisiert und generalisiert. Die in diesen Anfragen aufscheinenden methodischen Probleme der "ikonographischen Hermeneutik und des Verhältnisses von Bild und Text" (681) haben zur Problematik dieses Aufsatzes tatsächlich analogen Charakter, denn auch bei der Interpretation von Texten mit Hilfe der Ikonographie bleibt "der Tribut an die literaturwissenschaftlichen Primärstadien der Exegese ... unverzichtbar" . Auch wenn man eine Eigenständigkeit der Bilder zugesteht, "zeigt sich auch hier, dass man gut daran tut, zunächst der Textfassung selbst intensiv nahe zu kommen, bevor Informationen von außerhalb eingeholt werden" . Trotz dieser Problematik, die unweigerlich durch die große Fülle des Materials und der damit notwendig verbundenen Generalisierung verschärft wird, ist der Versuch W.s keineswegs zu verwerfen. Denn im Zuge der zunehmenden Spezialisierung in atl. und altorientalische Wissenschaft sind ähnlich nützliche Überblicke rar geworden und »Frau und Göttin« bringt unbestreitbaren Erkenntniszuwachs für die aktuelle Diskussion um Göttinnen und Feminismus.


Diese Seite wurde erstellt von Jesaja Michael Wiegard.
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