Biblisches Forum 1/99
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Silvia Schroer (1987):
In Israel gab es Bilder

Nachrichten von darstellender Kunst im Alten Testament (OBO 74)

Vandenhoeck und Ruprecht: Göttingen 1987
[ISBN 3-525-53703-4]

Rezension von Christian Frevel [Wiederabdruck einer Erstveröffentlichung im Rahmen des Artikels "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht...". Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, BN 47 (1989) 35-89]

Silvia Schroer will "die atl. Nachrichten von darstellender Kunst ... sammeln" (9) und diese Textbelege jeweils in Beziehung zu der archäologischen Evidenz setzen (vgl. 10), mit dem Ziel "ein Element im allmählich entstehenden Gebäude einer Kunstgeschichte Israel (zu) sein" (8). Mit ihrer materialreichen Zusammenstellung schließt Schroer eine forschungsgeschichtliche Lücke, denn tatsächlich haben das Missverständnis des Bilderverbotes als israelitisches Kunstverbot und die philologische Vereinseitigung in der Beschäftigung mit Texten die systematische Aufarbeitung des Faktums 'In Israel gab es Bilder' verdrängt.

Die Zusammenstellung der im AT erwähnten Bildwerke umfasst die ersten drei Kapitel. Im ersten: "Bildwerke in Gestalt von Bäumen, Blüten und Früchten" (21-66) geht Schroer hauptsächlich auf die Ascheraproblematik ein. Dem Kult der Göttin misst sie große Bedeutung bei (43f) und schließt - unabhängig von der Interpretation der Inschriftenfunde, was richtig ist - auf eine unbestreitbare "enge Zusammengehörigkeit von JHWH und Aschera in Israel" (45). Desweiteren geht Schroer auf dekorative Gestaltungsmotive aus der Flora im salomonischen Tempel, Jachin und Boas und damit auf die Fruchtbarkeitssymbolik in Lotosblüten und Granatäpfeln ein. Im zweiten Kapitel (69-158) behandelt Schroer teriomorphe Bildwerke mit dem Schwergewicht auf Löwen, Schlangen (u.a. ÜÖÉ!) und Stierdarstellungen, sowie die Darstellungen von Mischwesen. Schroer bietet hier viel außerbiblisches Material, das die Verwendungsbreite dieser Motive in bildlichen Darstellungen untermauert. Unwahrscheinlich ist lediglich ihr Ausgangspunkt, dass die P-nahe Bilderverbotsparänese Dtn 4,17 "als Reaktion auf den hohen Beliebtheitsgrad" (70) von kultischen Tierdarstellungen in der Eisenzeit zu verstehen ist. Auch die Teraphim werden in diesem Abschnitt behandelt; Schroer interpretiert sie als "Element der volkstümlichen Religiosität" (145) und zwar als in mantischer Funktion verwandte, tiergestaltige (Stier-)masken.

Das dritte Kap. (161-253) behandelt anthropomorphe Bildwerke in Statuen, Grafitti und Schmuckbildern und die metaphorischen Beschreibungen Hld 5,10-16; Dan 2,32-35; 10,5f, deren Interpretationsschlüssel eine edle (Götter-?) Statue ist, was Schroer überzeugend aufweisen kann . Ebenso behandelt sie hier die späte Götzenbildpolemik aus Jes und Jer, sowie die satirische Erzählung 1 Sam 5,1-5 . S. versucht realienkundliche Schlüsse aus diesen Texten zu ziehen. So weise z.B. Jer 10,5 darauf hin, dass die Bilder getragen werden müssten, was Schroer an Götterprozessionen denken lässt (200.209); V 4 "mit Nägeln und Hämmern befestigt man es" wird als Hinweis interpretiert, "dass wir an menschengestaltige Standbilder zu denken haben, weil sich das Problem bei einem Sitzbild weniger stellt" (204). Jeweils werden die Hinweise durch archäologisches Material erläutert und so in die Tradition der Bilderherstellung gestellt. M.E. lassen die Texte diese Arbeitsweise nicht zu. Ihre Aussageintention (aus dem Kontext erschlossen) liegt deutlich ausschließlich auf der (generalisierenden) Polemik, in deren Dienst sie auch die konkreten Angaben (Form /Inhalt) stellen: Das 'Getragen-Werden-Müssen' bescheinigt ebenso Unvermögen wie der wackelige Stand. Über 'Tragfähigkeit' oder über die Pose (Stand- oder Sitzbild ) der Bilder sagt der Text nichts! Zwar liegen den Beschreibungen prägende Vorstellungen zu Grunde; diese spiegeln sich jedoch nicht notwendig in der textlichen Ausführung, sondern können im Extremfall sogar völlig divergieren.

Im vierten Kapitel (257-300) behandelt Schroer. "Bilder von Astralgottheiten in Israel und Juda". Hier wertet sie die dtr. Hinweise auf das ìÄÖä üû (Sonne, Mond, Gestirne) für die Verbreitung des Astralkultes aus, den sie auf Grund der Austauschbarkeit der Glieder (Sonne, Mond, Baal, Aschera) in dtr Formeln auch als vorexilisch kanaanäisch überkommenen Kult annehmen will. Eher zustimmen kann man der These eines spätvorexilischen Aufschwungs der Astralkulte assyrischer Prägung, der sich im Kult der Himmelskönigin und des Schamasch in Jerusalem zeigt. Schroer stellt in diesem Kapitel eine Fülle an Material zu dieser Thematik vor, das als Illustration der knappen textlichen Notizen gute Dienste leisten kann. Die folgenden Kapitel ergänzen die Zusammenstellung der Bildwerke in sinnvoller Weise. Ein terminologisch orientierter Überblick (303-353) holt die gesamte Bilderterminologie sprachgeschichtlich und in jeweiliger Distribution ein. Das 6. Kap. (357-419) behandelt die wichtigsten Bildträger (Steine, Elfenbein, Keramik, Textilien, Siegel und Amulette) und in einem Schlussabschnitt (423-431) die Verarbeitung dieser Materialien durch Kunsthandwerker in Israel. Die letzten beiden Abschnitte unterstreichen noch einmal, dass es 'israelitische' Kunst und einheimische Künstler gegeben hat und das Bilderverbot nie zum Kunstbildverbot ausgeweitet wurde.

Schroer hat durch ihre systematische Auflistung der 'Nachrichten von darstellender Kunst im Alten Testament' und der gleichzeitigen Verbindung dieser oft unscheinbaren Notizen mit einer Fülle von außerbiblischem Material ein sehr nützliches 'Arbeitsbuch' geschaffen, das bei religionsgeschichtlichen (Bilder-)fragen so bald nicht aus den 'Top-Ten' der Literaturverzeichnisse verdrängt werden wird. Es muss zugestanden werden, dass bei einer Zusammenschau eines so großen Bereiches Einzelheiten gegenüber dem Ganzen notwendig zu kurz kommen, so dass die hier geäußerten Anfragen und die besonders am Beispiel Aschera (vgl. Anm. 87) kumulativ geäußerte Kritik nicht die Anerkennung ihres 'Gesamtprogramms' schmälern soll! Sie zeigt m.E. jedoch, dass die angewandte Methodik noch nicht ausdiskutiert ist und S. in einigen (nicht grundsätzlich in allen) Fällen die Verbindung von Archäologie (Ikonographie) und Text überzieht. Sicher haben Texte nicht nur eine Aussageebene, allerdings muss je im Einzelfall überprüft werden, ob ein Text über die 'normale' Kongruenz von Aussageintention und -inhalt/form hinaus (etwa im Beispiel Dagon) wirklichkeitsbezogene Informationen enthält. Zur Interpretation unklarer Textstellen müssen erst textimmanente Lösungen versucht werden und auch wenn diese nicht möglich sind, können extrabiblische Materialien nicht in jedem Fall zu einer Klärung beitragen . Insbesondere muss bei Motivkonstellationen (z.B. Kuh- und Kalb; Zweig/Baum) ihre Mehrdeutigkeit einbezogen werden, denn selten sind diese über 'Aspekte' hinaus auf eine bestimmte Gottheit zu beziehen. Archäologische Sachverhalte müssen erst 'für sich' einer Interpretation unter ihren Kriterien unterzogen werden, d.h. Einzelfunde müssen vor (nicht während) einer Beziehung auf den Text in Bedeutungs- und Herkunftskontexte eingeordnet werden. Lokalphänomene müssen als solche gekennzeichnet und in einer möglichen Relation zum Text als solche bedacht werden, um nicht der Gefahr zu erliegen, mit Ausnahmen die Regel erst zu konstituieren und dann zu illustrieren.



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