Biblisches Forum 1/99
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Christoph Dohmen (1987):
Das Bilderverbot

Seine Entstehung und seine Entwicklung im Alten Testament (BBB 62)

Beltz Athenäum: Frankfurt 21987
[ISBN 3-610-09100-2]

Rezension von Christian Frevel [Wiederabdruck einer Erstveröffentlichung im Rahmen des Artikels "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht...". Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, BN 47 (1989) 35-89]

Ausgangspunkt seiner - in der zweiten Auflage vorliegenden - Dissertation ist die Feststellung, dass die These von der inhaltlichen Einheitlichkeit des Bilderverbots in den zur Disposition stehenden Texten unhaltbar ist (24-30), d.h. die Verbotsformulierungen und -inhalte einer Entwicklung unterlagen. Die Rekonstruktion dieser Entwicklungsgeschichte und "die inhaltlich-thematische Zusammenfassung des Phänomens der geforderten Bildlosigkeit im AT" (31) ist das Ziel der Untersuchung, die in drei Schritten vorgeht:

Zunächst bietet D. eine synchrone Betrachtung der für die Verbotsformulierung in Frage kommenden Bildbegriffe (34-63), dann im breiten Hauptteil der Arbeit (64-235) umfangreiche Textanalysen der Bilderverbotstexte und ihrer Kontexte . Das vierte Kap. (236-277) bietet schließlich die Verbindung der punktuell in der Analyse herausgearbeiteten Aspekte in ein diachrones Koordinatensystem, das Herkunft und Entwicklung des Bilderverbotes in eine Gesamtthese einbindet.

Diese These kombiniert die zwei klassischen Erklärungsmuster der Forschungsgeschichte zum Bilderverbot, nämlich das extern-soziologische zur Herleitung der anikonischen Grundtendenz und das intern-religionsspezifische 'Modell' zur Erklärung des Verbotscharakters in der späteren Ausprägung. Die sachlichen Ursprünge des Bilderverbotes liegen in der kultbildlosen halbnomadischen 'Kulturrandvergangenheit' Israels, wofür D. als Analogie auf die "Spuren anikonischer Kulte in den Randgebieten der altorientalischen Hochkulturen" (239) verweist. Diese 'kultursoziologische Differenz' erklärt lediglich das Phänomen der Kultbildlosigkeit nicht das Verbot von Kultbildern . Die 'anikonische Vorgabe' spiegelt sich erstmalig im Altargesetz des Bundesbuches (Ex 20,23b. 24a), das nach D. in kultkonservativer Ausrichtung den tradierten Blutritus der Verehrungsform in Kultbildern gegenüberstellt, um durch konservative Reaktionen einen Integrationspol im spannungsreichen Übergang der vorstaatlichen zur frühstaatlichen Zeit zu schaffen (vgl. 172-179.237-244).

Auch für die frühe Königszeit findet D. kein Bilderverbot, nur eine implizite Bilderdistanz, die sich etwa in der Lade als bildlosem Kultobjekt, im Kerubenthron aber auch im Postamentstier (als 'Präsenz-marker') in Bethel zeigt . Die erste Bilderkritik erwächst im Übergang von der integrierenden zur intoleranten Monolatrie im 9./8. Jh. v. Chr. Bei Elijas programmatischer Entscheidungsfrage 'JHWH oder Baal' steht "die Auseinandersetzung um Kultobjekte unterschiedlicher Provenienz ... noch nicht an" (257). Erst die Sensibilisierung auf die Verwirklichung der Exklusivität JHWHs lässt Hosea 'Bilderkritik' üben, da er diese als "polyvalente(r) Träger religiöser Ideen" (269) erkennt. Die Gefahr, den Verweischarakter zu unterschlagen (als Bild und nicht im Bild zu verehren) und die Ambivalenz z.B. des Stierpostamentes berühren die Ausschließlichkeit. Sachlich hat also "das Fremdgötterverbot ... als Spezialfall das Bilderverbot im 8. Jh. geboren" (262). Zwischen dieser sachlichen Grundlegung und der tatsächlichen Formulierung im frühdtr Dekaloggrundtext liegt die 'Krisenzeit' des Untergangs des Nordreichs (Die "geschichtstheologische Reflexion" (263) durch JE übernimmt die hoseanische Bilderkritik in der Erzählung vom Goldenen Kalb) und des assyrischen Kulturdrucks, der sich in kultischer 'Überfremdung' und in den 'Kultreformen' spiegelt . Durch den im Exil wachsenden Monotheismus kehrt sich das Verhältnis von Fremdgötter- und Bilderverbot um, letzteres übernimmt die Führung in der Auseinandersetzung mit anderen Religionsformen. Deutlich zeigt sich in späten Texten (Lev 26,1, Dtn 4; Dekalogzusätze) die Tendenz, das Bilderverbot auszuweiten, um dadurch der Faszination der Bilder entgegenzutreten und die von den Anfängen an vererbte differentia specifica (vgl. 286) zu wahren . D. wertet die späte Götzenpolemik nicht als Nachgeschichte des Verbotes, sondern als Parallelentwicklung zur 'Ausweitung', so daß das Nebeneinander beider in späten Texten erklärlich wird .

D.s entwicklungsgeschichtliche These und deren Grundlegung in den Textanalysen überzeugt. Ihre Stärke liegt einerseits in der ständigen Rückbindung an die Entwicklungsgeschichte des JHWH-Glaubens und andererseits im Zusammenspiel von externer kultursoziologischer Grundlegung der Bildlosigkeit und interner religionssoziologischer/theologischer Konkretion im Verbotscharakter. Die kontextgebundene Analyse von Einzeltexten auf eine diachrone Entwicklungslinie hin und die Kombination von Begründungsmodellen kann als methodisches Paradigma für ähnliche Untersuchungen gelten. Das 'Bilderverbot' hätte allerdings in der Einholung des archäologischen Befundes eine sinnvolle und auch notwendige Erweiterung erfahren können , denn gerade die materielle Hinterlassenschaft in Bildern (vgl. Schroer) kann das Bilderverbot als Kultbildverbot explizieren und deutlich machen, dass es keine generelle Kunstfeindlichkeit zur Folge hatte. Gerade Ikonologie und -graphie können hier helfen, z.B. das Fehlen einer spezifischen JHWH-Ikonographie oder das Auftauchen bildloser Siegel im 8./7. Jh.v.Chr. zu erläutern. Sicher richtig ist in diesem Fall D.s Forderung nach methodischer Priorität des Wortes vor dem Bild beim Verständnis der Bilderverbotstexte , denn gerade im sensiblen Bereich des JHWH-Glaubens und seiner Charakteristika muss die innerbiblische Entwicklung klar sein, bevor man sie mit außerbiblischem Material (das vielleicht dann die atl. Nachrichten als tendenziös und selektiv erweist, s.o.) konfrontiert. Insofern bietet D. den methodisch richtigen Weg, der - bei Einbeziehung des gesamten archäologischen Materials - sicher nicht mehr von Einzelpersonen bis zu Ende gegangen werden kann. Vielmehr hat D. das Fundament geschaffen, das Bilderverbot unter den o. g. Aspekten weiter zu untersuchen und damit die Rückfrage nach der geforderten Bildlosigkeit des JHWH-Kultes mit dem Faktum 'In Israel gab es Bilder' zu verbinden.



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