Biblisches Forum 1/99
Zeitschrift für Theologie aus biblischer Perspektive
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Yohanan Aharoni (1984):
Das Land der Bibel

Eine historische Untersuchung

Neukirchener Verlag: Neukirchen-Vluyn 1984
[ISBN 3-7887-0627-9]

Rezension von Christian Frevel [Wiederabdruck einer Erstveröffentlichung im Rahmen des Artikels "Dies ist der Ort, von dem geschrieben steht...". Zum Verhältnis von Bibelwissenschaft und Palästinaarchäologie, BN 47 (1989) 35-89]

Das Buch teilt sich in zwei Teile, einen einführenden geographisch-methodisch orientierten Teil (1-134) und einen Abriss der Geschichte des Landes durch die Jahrhunderte (135-434). Aharoni beginnt mit der summarischen Beschreibung des Landes und seiner politischen Konstellationen, der klimatischen Verhältnisse und der Handel- und Wirtschaftsgrundlagen (3-20 ). Die folgende Beschreibung der Landschaft in vier jeweils unterteilte Nord-Süd Zonen (21-42) vermittelt einen guten und informativen Eindruck vom Landschaftsbild. Entsprechend der Aufteilung des Landes versucht Aharoni anschließend die Straßenverbindungen Palästinas nachzuzeichnen. Quelle der Rekonstruktion sind biblische und außerbiblische Hinweise auf Wegesysteme, sowie archäologisch beobachtbare Siedlungsketten an Handelsstraßen und Geländebeobachtungen (vgl. 44). Eine ähnliche Quellenlage ist bei der Beschreibung der politischen Grenzen des Landes gegeben (vgl. 64-80), wobei z.B. Grenzbefestigungen die Siedlungsketten ersetzen bzw. als Grenzen markieren. Auch für diese beiden Teile historischer Geographie besteht für die Kombination der verschiedenen Informationsbereiche die Forderung nach exakter Kongruenzprüfung. Das erfordert einerseits die genaue Untersuchung der Aussageintention und Referenzstruktur des Textes: Will der Text mit den entspr. Angaben eine historische Aussage machen oder eine tatsächliche oder fiktive Realität historisch verankern bzw. zurückdatieren? Für welchen Zeitraum will die Aussage gelten? Spiegelt der Text die Verhältnisse z.Zt. seiner Entstehung? usw. Der archäologische Befund muss ebenfalls zuvor differenziert ausgewertet werden, insbesondere hinsichtlich des Zeitraumes, für den die Ergebnisse stehen (Siedlungsbeginn, -abbruch, -hiatus bzw. Bewährung, Zerstörung usw.). Konvergieren die Ergebnisse beider Teiluntersuchungen in ihren Rahmendaten und sind ihre Aussagen kongruent, ist die Basis für eine parallele, sich gegenseitig ergänzende (literarisch-archäologische) Argumentation gegeben. Es ist deutlich, dass im Bereich der literarischen Auswertungen das Spektrum der Methodenansätze für eine angemessene Analyse von Texten und die Pluralität der Ergebnisse aus diesen Untersuchungen recht groß ist. Ebenso liefern verschiedene methodische Ansätze im Bereich der Archäologie unterschiedliche Interpretationen. D.h. allein von den methodischen Voraussetzungen wird man auch bei der Kombination literarischer mit archäologischer Evidenz lediglich diskutable Ergebnisse erhalten. Diese haben allerdings den Vorteil, dass sie auf der Basis von zwei, zwar grundsätzlich interpretierbaren, aber voneinander unabhängigen Bereichen fußen.

Aharoni klärt diese methodischen Grundsätze für seine Arbeit in einem Abschnitt über die historischen Quellen (81-105). Für seine Hauptquelle, die Bibel (vgl. 81), nennt er zwei der oben angeschnittenen Grundfragen: "Welches war ihre (der geographischen Abschnitte) primäre Form" und "wann wurden sie zusammengestellt? ... Gehört der Text wirklich in die Zeit, die der biblische Berichterstatter angibt?" (82) Literarische Fiktion als Grundlage einer Liste schließt A. aus, vielmehr "unser mangelhaftes Verständnis und unzureichende Informationen hindern uns, ihren historischen Kontext wiederzugewinnen" (82). Geographische Listen seien nach älteren Vorlagen in den Text integriert worden und weithin als zuverlässig zu betrachten, Literarkritik sei insofern unnötig, als sie nicht überlieferungsgeschichtlich ausgerichtet ist (vgl. 81-93). "Man (sollte) nicht auf die Vermutung verfallen, dass substanzielle Änderungen in den geographischen Listen vorgenommen wurden, um Übereinstimmungen mit späteren Ansichten oder Gegebenheiten zu erzielen" (83). Diese 'unkritische' Haltung gegenüber dem Textmaterial zeigt sich auch im Verständnis epigraphischer Information. Dass z.B. Feldzugsberichte literarische Inventionen enthalten, die dem Kriegsherr zwar schmeicheln (Thutmoses III. oder Schoschenk I.), kaum aber historisch sind, führt Aharoni nicht zu einer kritischen Haltung gegenüber scheinbar geschichtlichen Listen . Der Eindruck einer literarischen Priorität bei der Bewertung der Quellen scheint sich zu bestätigen, wenn Aharoni (sicherlich sachlich richtige) Zweifel an der Objektivität der chronologischen Interpretation stratigraphischer Grabungen anbringt (100).

Ein weiteres Feld historischer Geographie, in dem archäologischen Ergebnissen zusammen mit literarischen eine wichtige Bedeutung zukommt, ist das Studium der Toponymie. In dem informativen Kapitel zu Ortslagen, Lautgesetzen und Namensübertragungen (106-133) stellt Aharoni zwei wichtige Grundsätze für die auf archäologischen Forschungen gegründete Identifikation von Toponymen mit einer Ortslage auf: Zum einen müssen die Siedlungsperioden eines Tells zumindest den Zeitraum umfassen, für den die textlichen Überlieferungen, die zuvor sorgfältig analysiert wurden (vgl. 132f), ihn ausweisen. Identifiziert man einen biblischen Ortsnamen, unterstützt durch eine ägyptische Überlieferung, muss er zumindest in der Bronze- und Eisenzeit Besiedlungsspuren aufweisen. Darüber hinaus muss der Umfang der Siedlung zumindest annähernd mit der Vorstellung, die die Quelle vermittelt, übereinstimmen (Z.B. kann eine unbefestigte SB Dorfsiedlung kaum mit einer literarischen Bezeugung eines Stadtstaates kombiniert werden).

Im zweiten Hauptteil (135-434) geht Aharoni die Geschichte Palästinas unter topographischen wie siedlungs- und territorialgeschichtlichen Aspekten durch. Er vermittelt seine genaue Kenntnis des Landes anhand der verschiedenen biblischen und außerbiblischen Listen, Feldzugsberichten und dem breiten Briefmaterial, das aus und über Palästina überliefert ist. Er konfrontiert die biblischen Quellen mit den verfügbaren archäologischen Daten, um eine Rekonstruktion biblischer Geschichte zu stützen. Thiels Urteil über das Verhältnis von Text und Archäologie bei Vertretern eines militärischen Landnahmemodells trifft bei A. in weiten Teilen zu [W. Thiel, Geschichte Israels, a.a.O. 96]: "Sein (des Eroberungsmodells) Vorzug ist der enge Bezug auf die alttestamentlichen Texte; sein entscheidendes Defizit liegt darin, dass es diese Überlieferungen zu wenig analysiert, sie gleichsam in ihrer Oberflächenstruktur als historische Zeugnisse wertet und sie zu rasch mit den archäologischen Befunden in Beziehung setzt. [...] In Einzelfällen lässt sich beobachten, dass biblischer und archäologischer Befund verzerrt und uminterpretiert werden, um die gewünschte Übereinstimmung zu erreichen".

Obwohl viele Punkte der historischen Geographie Aharnis bei einer Analyse der biblischen Texte unter anderen Voraussetzungen und einer vom Text gelösten Interpretation (d.h. Einhaltung des Kriteriums der methodischen Eigenständigkeit der Interpretationen vor der Einbindung) archäologischer Ergebnisse anders ausfallen würden, bleibt sein Werk ein monumentaler Versuch, beide Quellenbereiche miteinander zu verbinden und so letztendlich zu einer verantwortbaren, geschichtstreuen Darstellung zu gelangen. Bezüglich der Verhältnisbestimmung von Text und Archäologie ist Aharoni wohl eher in den Bereich des Ancilla-Modells einzuordnen, was bei entsprechend kritischer Lektüre sein Verdienst in der Sache nicht schmälert. Teilweise haben seine Ausführungen zwar historisierende Tendenzen, allerdings ist hierbei das Alter des Werkes und der Kontext des Gesamtwerkes Aharonis in die Beurteilung einzubeziehen.



Diese Seite wurde erstellt von Jesaja Michael Wiegard.
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